Journey...Alles-und-Nichts

Oberstufendepression

, 16:52pm

Kapitel 1

 

"Ooooh, Hansii-Mausii, wir wollten doch essen gehen!"

Eine Stimme dringt wie aus dem Nichts an mein Ohr, aber nicht wirklich an mein Bewusstsein. Sie klingt schrill und irgendwie auch nervig, wenn man bedenkt, dass es hier um Leben und Tod geht! Doch das scheint die Stimme nicht zu erkennen. Sie gibt nicht auf.

„Hansii, hörst du mir eigentlich zu?“

Sie erinnert mich irgendwie an Chantal aus Mario Barth. Aber eigentlich heißt sie Christine. Zumindest das kann ich über meine Freundin sagen. Des Weiteren liegt sie gerade hinter mir auf dem Bett. Ich sitze auf dem Sofa davor und starre auf den Fernseher, auf dem ein Playstationspiel läuft, das erst ab 18 freigegeben ist. Immer bedacht loszufeuern, wenn mir etwas ins Visier kommt, beachte ich meine Freundin also einfach nicht. Ich mache das nicht absichtlich, ich bin nur gerade nicht für irgendwelche Dinge empfänglich. Wenn ich zocke, kann ich es einfach nicht gebrauchen, wenn mich jemand von der Seite anquatscht. Ich höre dann sowieso niemanden. Dann zählt nur das Spiel, die nächste Quest oder Schlacht, die Rüstung für den entscheidenden Endboss. Und so ist es auch diesmal. Christine hingegen rekelt sich, streckt sich und buhlt um meine Aufmerksamkeit. Das weiß ich, ohne hinzusehen, aber es interessiert mich nicht. Da sie das weiß, es aber nicht wahrhaben will, umarmt sie mich von hinten. Nackt. Ich beachte sie jedoch immer noch nicht. Denn ansonsten darf ich mir wieder uninteressante Storys im Restaurant anhören, wer gerade mit Dieter Bohlen zusammen ist und wer gerade mit welchem Nachbarn streitet. Und darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust.

Das hier ist zudem wichtiger. Meine Leute gehen nämlich auf dem Bildschirm in Stücke auseinander! Das muss sich auf der Stelle ändern! Alles andere ist nebensächlich. Gibt es nicht.

Die Frau, die mich mittlerweile schüttelt, um mich aus meiner Spieltrance zu holen, scheint es jedoch nicht zu mögen, Nebensache zu sein und nimmt mir einfach so den Joystick aus der Hand. Ich wache schlagartig aus meinem hypnotischen Zustand auf und brauche nicht mal eine Sekunde, um zu erkennen, was gerade geschehen ist. "Was zum Henker machst du?! Ich sterbe!!" Auf dem Bildschirm blinkt die Anzeige und weist mich darauf hin, dass es bald vorbei ist. Meine Daumen kribbeln bereits. Sie wollen Knöpfe drücken. Nun geht es um alles oder nichts. Ich will also wagemutig nach dem Joystick greifen, als Christine die Playstation einfach ausschaltet, die Hände in die Hüften stemmt und sich entblößt - wie sie nun mal gerade ist - vor den Fernseher stellt. Sie sieht sauer aus. Sehr sauer. In solchen Momenten hat sie starke Ähnlichkeit mit einer Furie…

"Was ist nun mit essen gehen?!" fragt sie.

"Du hast meine Playstation ausgemacht!" jammere ich.

"Mein lieber Schatz, du bist 33 und benimmst dich wie 13!"

"Und du bist geschmacklos, solche Spitznamen zu verwenden…"

Das hat gesessen. Nun ist sie endgültig empört und streift sich ihr Kleid über. "Na schön, das war’s!!" brüllt sie mich noch an, ehe sie um die Ecke in der Küche verschwindet. Ich folge ihr, um zu beobachten, was sie nun macht. Sie trinkt ihren herumstehenden Whiskey aus und schmeißt mein Glas auf den Boden. Ich habe das geahnt und werde nun auch wütend. „Du unterbrichst mein Spiel und randalierst dann auch noch in meiner Wohnung?" Jetzt nimmt sie ein neues und schmeißt es gegen mich. Ich bücke mich. Es trifft den Kühlschrank, in dem noch die Glassplitter meiner Ex-Freundinnen stecken. Ich achte stets darauf, dass alle meine Gläser kaputt gehen, dann habe ich nicht so viele einzelne. Meistens besorge ich mir hierzu ein Set, in dem zwei gleiche enthalten sind, das macht die Sache einfacher. Besuch habe ich sowieso selten, und wenn, dann immer nur eine Frau. Und da die Gläser nie bis zur nächsten überleben, reicht das vollkommen aus.

Ich bin amüsiert darüber, dass in dem Punkt meine Frauen alle gleich sind, und trinke den Rest Whiskey aus der Flasche auf Ex. Christine würde mich ihrem Blick zu urteilen am liebsten erwürgen, nimmt aber erhobenen Hauptes ihr Zeug und verlässt wortlos meine Wohnung. Ich beschließe, mir zur Feier des Tages ein neues Spiel für meine liebste Konsole zu kaufen.

 

Zu solchen Situationen kommt es, wie bereits angedeutet, öfters. Sehr oft sogar. In einem Monat musste ich schon mal 5 neue Whiskeygläser-Sets kaufen! Ich finde das ziemlich unverschämt, wo ich die Frauen doch bei mir wohnen lasse und sie mehr oder weniger durchfüttere. Alle kommen sich dann auf einmal einsam vor. Einen anständigen Job habe ich selbstverständlich nicht, meine Firma läuft von selbst. Was also tun? Mehr Steuern zahlen oder lieber den ganzen Tag vor der Playstation sitzen? Da fällt die Antwort leicht. Sehr leicht sogar. Frauen dienen mir zugegebenermaßen als letzter sozialer Kontakt, der mich ab und zu aus dem Haus zerrt. Ansonsten sitze ich nur vor meiner Playstation oder eher noch vor einem guten Buch, das mir zur Weiterbildung dient. Leider ist es nur so, dass mir diese Weiterbildung nur dem Wissensdurst und ansonsten nirgends dient. Vor die Tür gehe ich nur noch selten. Denn so langsam habe ich auch keine Freunde mehr. Weder am Männerstammtisch, noch bei den Frauen. Ich frage mich manchmal, warum…

Die meisten halten mich wohl für einen Idioten, der sich Frauen kauft, was ich allerdings noch nie gemacht habe, obwohl ich mir es ja leisten könnte. Mit Geld kann man sich viel kaufen, viel zu viel. Ich protze dennoch nicht damit. Weder mit meiner offenen 150 m² Penthouse-Wohnung noch mit der Tatsache, dass ich nichts dafür tun muss. Nicht mal bei den Frauen muss ich groß etwas tun, die kommen von selbst. Sie sind allerdings weniger an meinem Charakter, als an meinem Geld interessiert. Somit gehen sie irgendwann auch von selbst. So ist das Leben nun mal. Ich selbst halte mich für einen passablen Kerl. Kein toller Fang als Mann, aber immer wieder amüsant. Ich amüsiere mich jedenfalls.

 

Da Christine meine Wohnung verlassen hat, kann ich mich endlich wieder mehr entspannen. Ich kann mir Essen zukommen lassen, statt immer wieder rausgehen zu müssen. Ich darf wieder in meinem eigenen Bett frühstücken und mir dabei die Nachrichten auf N24 ansehen, statt platte Comedy im Unterschichtenfernsehen. Außerdem darf ich endlich wieder nackt herumlaufen und all das, was man nicht kann, wenn eine Frau im Haus ist...

 

Ich betrete wieder das Wohn- und Schlafzimmer und muss feststellen, dass es verdammt still geworden ist. Doch beim Blick auf den Fernseher kommt mir wieder der Gedanke ans neue Spiel. Das alte fange ich jetzt nicht noch mal von vorne an, denn ich habe es schon X Mal durchgespielt. Mal sehen, was es also neues auf dem Markt gibt. Aber zuerst logge ich mich auf Facebook ein und ändere meinen Beziehungsstatus. Es schreibt mir schon keiner mehr drunter, was er davon hält, obwohl ich ziemlich viele Freunde auf Facebook habe. Aber wen davon kenne ich schon persönlich? Den und den habe ich mal gesehen. Auf einer Party. War lustig. Das war’s. Ich logge mich wieder aus. 95 Leute online, keiner schreibt mich an, was soll’s…

Nun stehe ich wieder etwas motivationslos da. Das Internet macht mich nicht glücklich. Es ist eine Last. Man hat das Gefühl, immer online sein zu müssen, immer up to date, wer gerade wo mit wem was macht. Aber eigentlich interessiert mich nicht mal die Hälfte davon. Das Leben hat damals auch noch funktioniert, als man nicht seinen Beziehungsstatus, die Zusammenstellung des Abendessens und Dinge, die einem auch noch gefallen, angegeben hat. Aber wie das eben so ist, ziehe ich zwar über Facebook her, bin aber trotzdem angemeldet, weil es etwas Wichtiges zu sein scheint, besonders in der heutigen Zeit.

Mein Blick schweift mittlerweile über mein Bücherregal. Ein neues Buch wäre auch nicht schlecht, meins ist schon wieder fast durch. Ich beschließe also, unter die Dusche zu springen und doch mal das Haus zu verlassen. Ein Entschluss, der einmal die Woche vorkommt, wenn es hoch kommt. Mit einer Freundin an meiner Seite häufen sich natürlich die Momente, in denen ich das Haus verlassen und in die Welt hinaus muss. Aber mit einer Freundin kann ich auch nicht Harald besuchen.

Harald ist der Verkäufer des Ladens meines Vertrauens. Er ist kleiner als ich, mindestens 15 Jahre älter, Whiskey- und Spielexperte und kennt meine Geschichten in- und auswendig, auch wenn es bei dem stetigen Abbau von Freundinnen nicht viel zu erzählen gibt. Sie gehen einfach. Meistens genau so wie heute Morgen. Erst die Aufregung, dann wird meiner Playstation der Saft abgedreht und letztendlich besitzt mein Kühlschrank einen Splitter mehr. Die Frau meldet sich dann nie wieder. Ich frage mich erneut, warum sich alle meine Frauen bloß so ähnlich sind. Sie geben mir idiotische Spitznamen, sie wollen mich ändern, sie wollen Familie,… Ich meine, ich war ja irgendwie schon froh, dass sie da waren, aber im Grunde kann ich Frauen nicht das geben, was sie wollen. Im Grunde bin ich wohl beziehungsunfähig. Nach so vielen Fehlschlägen denke ich auch nicht, dass sich da noch eine Frau findet, die meine Interessen teilt und mich nicht ‚Arschloch’ nennt, nur weil sie eher auf Aussehen und Geld, als auf passende Interessen geachtet hat. Was kann ich denn bitte dafür?

 

Die Schiebetüren öffnen sich und ich betrete Haralds Spieleladen. Wie immer strömt mir die gewohnt warme Luft entgegen. Vielleicht liegt die Wärme, die von diesem Laden ausgeht, aber auch nur an meiner Liebe zur Spielewelt, der sich nichts und niemand in den Weg stellen kann.

„Ahahaha…brauchste neue Gläser?!“ Haralds Lache dröhnt durch den Laden und einige Kunden blicken verstört um sich, während er auf mich zu kommt und mir auf die Schulter klopft, als hätte ich etwas Gutes gemacht. Ich bin sein Stammkunde. Da muss man nett sein, denke ich mir immer wieder. Aber andererseits denke ich mir genau so, dass wir uns nach all den Jahren auch so super verstehen. Kann ja nicht jeder nur mein Geld wollen, es müssen ja auch noch Menschen da sein, die den Charakter schätzen und nicht deinen Kontostand und deinen Namen. Wenn man allerdings einen Namen hat, wird man misstrauisch und zudem immer und immer wieder damit konfrontiert. Manchmal möchte ich mich wirklich umbenennen lassen…

„Jo, schade eigentlich…die Gläser waren erst zwei Wochen alt! Was hast du denn noch im Angebot, was ich noch nicht hatte?!“ frage ich zurück.

„Och, da lässt sich was finden…“ meint Harald und zwinkert mir zu.

 

Während wir noch eine Weile herumwitzeln, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie ein schwarzes Etwas mit Kapuze die Regale entlangläuft und schließlich bei uns stehen bleibt. Wir sehen sie fragend an, sie blickt ebenso fragend aus der Dunkelheit unter ihrer Kapuze zurück, sagt aber nichts. Ich deute das als ein „Verpiss dich“ und gehe meiner immens wichtigen Aufgabe nach, mir ein neues Playstation-Spiel zu suchen, das ich noch nicht besitze oder dessen Kritik nicht ins Bodenlose geht, und lasse Harald seines Amtes walten.

"Wie kann ich Ihnen helfen?" fragt Harald, wie immer sehr freundlich.

Die Person nimmt die Kapuze herunter und zum Vorschein kommen pinke lange Haare und große dunkle Augen, die allerdings ziemlich verheult aussehen - oder ist das ein neuer Trend? Ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie scheint ein total schrilles Mädchen mit einem sehr seltsamen Kleidungsstil zu sein, denn sie trägt Schrauben an ihren Schuhen und total zerrissene Netzstumpfhosen unter ihrem schwarzen Rock. Irgendwie finde ich es ziemlich interessant und mutig so rumzulaufen, weil das mit Sicherheit nicht auf irgendeiner In-/Out-Liste steht.

Das Mädchen blickt sich ausdruckslos um und antwortet Harald einfach nicht. Er runzelt die Stirn, räuspert sich demonstrativ und wiederholt noch mal seine Frage etwas lauter: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Nichts. Sie antwortet nicht, steht aber weiterhin vor Harald, als hätte sie ein Anliegen. Meine Suche nach etwas Passendem für mich gebe ich daraufhin endgültig auf, denn die Szenerie erscheint mir interessanter. Ich sehe Harald selten die Stirn runzeln und sich ratlos umherblicken. Sein blick bleibt zum Schluss an mir haften, als wüsste gerade ich irgendeine Antwort. Also schlendere ich wieder zu den beiden herüber und blicke das Mädchen genau an. Sie sieht ziemlich mitgenommen aus. Man merkt es an ihren wässrigen Augen, die mich zwar anblicken, aber irgendwie auch durch mich hindurch.

„Hör zu…“ beginne ich meinen Satz, „ich würde dich gerne auf einen Kaffee einladen.“ Schlagartig wird das Mädchen aus ihrer Trance katapultiert und sie blickt mich an, als sei ich ein Phänomen. Ich lächele sie freundlich an, doch sie geht überhaupt nicht darauf ein und meint bloß mit schwacher Stimme: „Ich kenne Sie doch gar nicht!“

„Na dann lernt man sich eben so kennen! Und vielleicht kann ich dir bei deiner Suche nach einem Spiel ja irgendwie helfen. Ich bin nämlich Zocker aus Leidenschaft.“, sage ich enthusiastisch und blicke dabei kurz zu Harald, der bestätigend nickt. Dann sehe ich sie erwartungsvoll an, doch sie blickt auf ihre Schuhspitzen und meint: „Nein…das bringt mich nicht weiter…“ Ich frage: „Woher willst du das wissen?“ Sie schweigt. Ich blicke sie weiterhin an und warte. Ich habe ja Zeit. Nach gefühlter Minute blickt sie zu mir auf und wir gehen doch Kaffee trinken.

 

 

 

 

Kapitel 2

 

Sie stellt ihre Kaffeetasse ab, macht nun die dritte Zuckertüte auf und leert den Inhalt lieblos hinein. „Glaubst du, das Leben versüßt sich dadurch?“ frage ich. „Nein…aber der Kaffee schmeckt besser.“

Wir haben uns ein Café ausgesucht und sitzen nun draußen, da das Wetter mitspielt und ich auch mal wieder ein paar Sonnenstrahlen vertragen könnte. Ebenso das Mädchen, das mir mit blasser Haut und ohne Glanz in dem Augen gegenüber sitzt. Ich rauche. Sie trinkt Kaffee. Viel weiß ich bis jetzt noch nicht von ihr. Sie hat nur irgendetwas von Abitur und Versagensangst gesagt. Für mich klingt das nach Problemen. Aber dennoch biete ich mich als Gesprächspartner an. Der Grund, den ich versuche mir einzureden ist, dass ich ihr helfen will. Der wahre Grund ist wohl mein schlechtes Gewissen und meine eigene Einsamkeit, die ich mir nur sehr schlecht eingestehen kann. Daher findet vermutlich auch irgendetwas in mir dieses Mädchen interessant, wenn nicht sogar bewundernswert, dass sie ihre Probleme so offen aussprechen kann. Ich könnte das nicht…

„Wie heißt du eigentlich?“ frage ich.

„Mandy.“ meint sie.

„…ich heiße Hans.“

„Aha.“

Schweigen. Ich rauche. Sie macht ihre vierte Zuckertüte auf. Eine Gänsehaut überkommt mich.

„Wie alt bist du?“ frage ich weiter und komme mit dabei vor, wie bei einem Verhör…

„19…und du?“

„29…seit 4 Jahren.“

Sie sagt nichts mehr. Ich muss zugeben, ihr Blick macht mich nervös. Ich rede und rauche, um das zu tarnen. „Also…erzähl mal was aus deinem Leben. Wo kommst du her, wo stehst du und was willst du erreichen?“ Das sind meine drei Lieblingsfragen. Sie scheint zu überlegen. Es wirkt.

„Ich komme aus einer komplizierten Familie, die mir nie eine war und auf die ich nun auch nicht mehr zugehe. Daher wohne ich auch alleine. Wo ich stehe? Hm…momentan gehe in die 12. Klasse eines Gymnasiums und versuche mein Abi irgendwie hinzubekommen, was mir aber nicht so recht  gelingen will, da sich diese verdammten Zweifel einfach nicht abstellen lassen. Ich komme mir Tag für Tag vor wie eine Versagerin…und meine Zukunft…meine Träume sind gestorben…“

„Das glaube ich dir nicht. Du wirkst sehr sicher…seltsamerweise sicherer als ich. Und du bist erst 19 und - verzeih mir bitte - so dämlich das auch klingen mag: du hast dein Leben noch vor dir! Und wenn hier einer ein Versager ist, dann bin das ich. Ich bin beziehungsunfähig...“

„…das bin ich auch…“

„…ich bin zwar reich, spiele aber den ganzen Tag Playstation und lese Bücher…“

„…das würde ich wohl auch machen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte…“

„…nein….das verstehst du nicht. Ich bin ein nutzloses Arschloch und belaste auch noch meine Umwelt damit! Du bist…äh…in einer schwierigen Phase und gibst nur dir selbst die Schuld an allem. Wohl auch an den Fehlern deiner Umwelt!“

Bei dem Wort Arschloch zuckt das Mädchen zusammen und blickt nun mich an wie ein Phänomen. Ich blicke entschuldigend in ihre Richtung und zünde mir die nächste Zigarette an. „Du rauchst zu viel.“, meint sie. Ich meine: „Das ist Nebensache, lenk nicht ab!“ Sie schweigt und blickt mich betrübt an. Dann fährt sie fort: „Ich kann und will irgendwie nicht mehr. Mich macht alles nur noch kaputt. Und ich kann weder vor noch zurück. Ich kann weder weitermachen, weil ich dazu nicht schlau genug bin, noch aufhören, weil das alles noch mehr Probleme aufwirft…meine Zukunft scheint einfach so weit weg und gar nicht existent. Alles schient vorbei! Am Ende! Weißt du, ich dachte, ich hätte Talent…ich dachte, ich wäre intelligent genug, um das Abi zu schaffen! Doch jetzt liege ich seit zwei Tagen im Bett und was ist? Nichts ist! Ich warte nur noch auf das Ende, die Apokalypse…auf dass alles endlich ein Ende nimmt…“

„Also wenn ich dir so zuhöre, wird mir ja ganz schlecht.“ meine ich und drücke meine Zigarette aus. Sie blickt mich fassungslos an. „Weißt du, hier auf dieser scheiß Welt hat jeder so seine Probleme, mit denen er zu kämpfen hat. Die habe ich auch. Und du kannst entweder hier rumsitzen und heulen oder dir Hilfe suchen und überlegen, wie du weiterkommen kannst. Ich weiß, dass das sehr schwer sein kann, wenn man in so einem Loch rumhängt, aber es ist möglich!“

„Ja…aber ich sehe das nicht! Ich sehe einfach keine Verbesserung…ich sehe nur immer wieder an mir und vor allem an den anderen, was für eine Versagerin ich bin!“

„Dann sieh da halt nicht immer und immer wieder hin!“ meine ich und stehe im selben Moment auf. Sie blickt mich zwar mit großen Augen an, sagt aber nichts. Dann lasse ich 100 € liegen, da ich kein Kleingeld mehr habe und gehe einfach, weil es mir zu viel wird. Die wiederholt sich nur und will einfach nicht verstehen und damit verschwende ich nur meine Zeit. Lieber gehe ich zurück zu Harald, um mir endlich ein neues Spiel zu kaufen, das Leben zu vergessen, mich mit nichts Problematischem mehr zu beschäftigen. Ich war schon überall, habe alles gesehen, nur alleine, ohne Menschen. Die machen mich manchmal einfach krank!

 

„Na, hat’s gemundet?“ Harald ist neugierig wie immer und hat sein Grinsen wieder gefunden. „Nee...“ erwidere ich jedoch mürrisch und ganz und gar nicht in Gesprächslaune. „Oh.“ Mehr kommt nicht von ihm zurück. Er überreicht mir das neuste Spiel aus der Final-Fantasy-Reihe und ich verlasse den Laden Richtung Heimat. Ich habe irgendwie schon wieder genug von dieser verdammten Stadt. Soziale Kontakte sind mir ein Rätsel, Beziehungen ebenfalls.

Zu Hause angekommen schmeiße ich meine Jacke über den Kleiderständer, ziehe die Schuhe aus und mache mir erst mal einen Tee. Tassen habe ich zum Glück noch. Frauen, die bei mir wohnen, trinken in der Regel morgens keinen Tee oder Kaffee. Nur pures Zeug. Ich allerdings habe nun Lust auf einen Tee. Und auf Pizza. Also hole ich mein iPhone aus der Tasche und wähle die Nummer vom Pizzahändler meines Vertrauens.

„Pizza Frutti?!“ ertönt es mit italienischem Akzent.

„Moin moin, hier ist Hans.“

„Hansi!! Na, was darf’s denn heute sein?“

„Eine Pizza Hawaii und…“

Es klingelt. Aber nicht am Handy, sondern an der Tür. „Äh, Frutti? Wart mal kurz!“ Verwundert öffne ich und auf einmal steht das Mädchen mit den pinken Haaren im Gang. Ich bekomme ein bisschen Angst, denke an Selbstmordattentäter, bitte sie aber dennoch ganz herein. Aus Höflichkeit frage ich: „Hast du Hunger?“ „Nein“, kommt es zurück. Ich nehme die Hand wieder weg und meine weiter zu Frutti ohne das Mädchen aus den Augen zu lassen: „…Streich die Pizza, bring mir lieber zwei Bier.“ Ich lege auf, das Mädchen sieht sich um. Sie hat mir vorhin ihren Namen gesagt…aber irgendwie habe ich ihn vergessen. Na vielleicht fällt er ja noch mal.

 

Sie zieht brav ihre Schuhe aus und setzt sich auf einen Barhocker. „Oh…“ meint sie nur beim Anblick der kaputten Gläser. Ich nehme bereits den Besen, fege alles auf und schmeiße es in den Müll. Immerhin hat Cristine kein volles Glas auf den Boden geschmissen, aber das hat wohl noch keine Frau bei mir.

Das Mädchen beobachtet mich wortlos, bis ich mich neben sie an die Bar setze und sie mir auch ganz genau ansehe.

 

 

 

Kapitel 3

 

Frutti lässt wie immer schnell die Lieferung bringen. Das Mädchen nimmt sich zum Glück sofort eine Flasche und ich bin heilfroh, dass sie kein Glas verlangt. Ich wäre ansonsten etwas in Erklärungsnot gekommen…

„Und hier wohnst du also?“, fragt sie mich und ihr Blick schweift durch den Raum und man merkt, dass er deutlich am Kühlschrank mit den Markierungen haften bleibt. „Ja, das ist mein…äh…bescheidenes Heim…“ antworte ich und lasse nun auch den Blick über meine Wohnung streifen. Alles ist offen, nur das Bad hat einen eigenen Raum. Sogar das Schlafzimmer ist nur durch eben dieses Badezimmer abgegrenzt, welches mitten in den Raum gebaut wurde. Manche würden meinen, der Architekt sei nicht ganz dicht gewesen…aber es ist so ein schönes befreiendes Gefühl, dass ich in normalen Räumen beinahe schon Platzangst bekomme.

Das Mädchen trinkt einen Schluck aus ihrer Flasche und sieht mich dann an. Teils erwartungsvoll, teils traurig. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, irgendwie tut sie mir ja doch Leid. Also gehe ich sofort in die Offensive: „Okay…was führt dich zu mir?“

„Ich bin noch mal in den Spieleladen, weil ich mir irgendwie gedacht habe, dass du dahin gehst. Dein Freund meinte, du seist schon weg und hat mir deine Adresse gegeben…“ Na toll, denke ich mir, danke Harald!

Sie kramt in ihrer Umhängetasche, auf der das Logo irgendeiner Band ist, die man wohl kennen muss, wenn man in der Szene ist und holt ihren Geldbeutel hervor. Sie legt mir 100 € auf den Tisch. „Das hast du vergessen...“ „Und du hast vergessen die zwei achtzig abzuziehen, denn für meinen Kaffee kann ich ja selbst aufkommen.“ stelle ich nüchtern fest. „Oh…“ meint sie nur und sucht ihren Geldbeutel nach anderem Geld ab. Ich schüttele den Kopf, falte die 100 € zu einem Papierflieger und lasse ihn durch die Küche fliegen. Sie sieht mich entgeistert an und hält inne beim Suchen von bedeutungslosem Kleingeld.

„Jetzt hör mir mal zu!“ meine ich zu ihr und hebe strafend den Zeigefinger in die Luft: „das Geld ist mir egal! Deswegen musstest du nicht herkommen…außerdem habe ich es dir da gelassen für ein neues Spiel, damit du zumindest an etwas Freude finden kannst.“

Im selben Moment merke ich wieder mal, was ich für ein Arschloch bin. Tränen schießen dem Mädchen in die Augen und sie beginnt an dem Etikett ihrer Bierflasche zu pulen, blickt jedoch hinab. Ganz, ganz tief hinab…

Und ich weiß, sie wird nur Probleme machen, wie alle Frauen. Aber dennoch frage ich sie noch einmal nach ihren Beweggründen und warum sie meint, eine Versagerin zu sein. Die Frage schien noch mehr gesessen zu haben und mit zitternder Stimme fragt sie mich nach der Toilette.

„Da hinten links.“ Meine ich und setze wieder meine Flasche an. Hm…leer…wie mein Leben. Ich beobachte noch, wie sie taumelnd durch die Tür geht und stelle dann die Flasche zu den anderen. Die stehen alle neben der Tür, damit ich sie nicht vergesse, irgendwann mal wegzubringen. Leider haben sie sich an den Platz gewöhnt.

 

Die Tür des Badezimmers öffnet sich und das Mädchen schlurft wieder mit gesenktem Blick zum Barhocker. Wie hieß sie noch mal? Man, was mach ich nun, wenn sie sich umbringt? Habe ich dann Mitschuld?

„Sorry…“ meint sie ohne mir in die Augen zu sehen. „Schon okay.“ Meine ich und vermisse irgendwie die Bierflasche zum Festhalten. „Also was ist nun dein Problem und warum kommst du damit ausgerechnet zu mir?“ Sie schweigt. Und je länger ihr Schweigen andauert, desto nervöser wird sie. Sie rutscht auf dem Barhocker mal zur einen, mal zur anderen Seite, starrt auf die Theke, als gäbe es da etwas zu sehen und beginnt dann holprig ohne mir in die Augen zu sehen: „Also…weißt du…ich habe dich lange genug aufgehalten…“ Sie steht auf, lächelt ein gezwungenes Lächeln und wendet sich ab zur Tür. „Magst du nicht reden?“, frage ich sie noch. „Nein.“, meint sie tonlos und scheint sich nicht mehr aufhalten zu lassen. Ich starte jedoch einen letzten Versuch: „Okay…dann sag mir doch bitte noch mal, wie dein Name ist.“ Sie dreht sich überrascht um und meint, den hätte sie mir doch schon gesagt.

„Ich merke mir Frauennamen nie.“

„Warum denn nicht?“

„Wozu auch? Sie bleiben eh nicht lange…“

„Bei deiner Taktlosigkeit wundert mich das nicht.“

„Hey, ich rede eben nicht gerne um den heißen Brei.“

„Aha.“ meint sie nur und beginnt sich so schnell wie möglich die Schuhe anzuziehen. Na toll, ich habe es mal wieder versaut. Es würde mich nur interessieren, was sie nun vorhat. Leben scheint schlecht zu sein, Abi ebenfalls und die Zukunft ist sowieso schwarz. „Warte!“ meine ich, als sie bereits die Tür öffnet. Sie dreht sich noch mal um und blickt mich irgendwie erwartungsvoll an. „Was ist?“

Stille. Mir fällt nichts ein. Also frage ich sie: „Glaubst du, es wird besser, wenn du jetzt gehst? Magst du nicht noch ein bisschen bleiben…reden?“

„Über was willst gerade du denn reden?“

„Über das Abi…das ist bei mir schon so lange her…“

Sie hält inne und sieht mich an, als würde sie mir nicht glauben, dass ich es jemals auf ein Gymnasium geschafft hätte. Dann seufzt sie und schließt die Tür wieder. Während sie sich die Schuhe auszieht, frage ich mich, ob ich meine Ex-Freundinnen hätte aufhalten können, wenn ich auch so gehandelt hätte. Wären sie geblieben? Und wenn ja, weswegen? Wahrscheinlich nur wegen der Kohle. Aber das Mädchen will meine Kohle gar nicht. Aber reden. Na toll…und ich weiß nicht mal wie sie heißt.

 

Während sie sich wieder in Richtung Barhocker bewegt, breitet sich auf einmal ein Aktionismus in meinem Inneren aus. Ich stehe also auf und hole den guten Champagner aus dem Kühlschrank. Und irgendwo muss doch auch noch eine Schachtel Pralinen sein... Irgendwas muss man ja tun, also warum nicht mal was Gutes? Ich meine damit so etwas anderes Gutes. Ich tue mir ja täglich Gutes, aber immer öfter auf Kosten anderer…diesmal wird das anders. Ich will endlich mal was richtig machen. Mal sehen, ob ich das überhaupt kann…und auch noch bei so einem schwierigen Fall…

Ich finde in der hintersten Ecke meines Schrankes sogar noch zwei Sektgläser, mache sie sauber und fülle sie mit perlendem Champagner. Dann gehe rüber in die Wohnzimmerecke. Sie bleibt unsicher auf ihrem Barhocker sitzen. Im Vorbeigehen lächle ich sie an und stopfe ihr eine Praline in den Mund. „Ich hoffe, du magst ‚Bruno Paillard’?“ Sie kaut und nickt sehr unsicher, folgt mir dann aber doch und setzt sich zu mir auf das gegenüberliegende Sofa. Wir stoßen an und ich beschließe, keinen Trinkspruch zu äußern und einfach mal so taktvoll zu sein und den Mund zu halten. So unruhig, wie sie wirkt, wird sie schon was sagen.

Ihr Blick schweift jedoch noch eine Weile durch den Raum, dann sieht sie mich an und fragt: „Wohnst du alleine?“ Das war zwar nicht, was ich erwartet hatte, aber man muss ja irgendwie anfangen. „Ja, seit drei Stunden.“, antworte ich. „Na das ging aber schnell.“, meint sie.

Ich sage daraufhin nichts mehr, denn ich habe schon längst kein Gefühl mehr für normal und verrückt. Ich mag vielleicht irre sein, aber irgendwie ist mir das auch egal. Für mich ist das normal geworden.

Nachdem wir uns mal wieder minutenlang angeschwiegen haben, beschließe ich, nun doch, endlich auf den Punkt zu kommen. Bin ich taktlos? Ja. Aber auch ehrlich und direkt. Und das gibt es viel zu selten, wie ich finde. „Also, schieß los, was hast du auf dem Herzen…ääähh…“ „Mandy.“ Antwortet sie und sieht mich an, als würde ich Hilfe brauchen und nicht sie. Ich kontere mit dem gleichen Blick und fahre noch direkter fort: „Ja, richtig. Mandy! Also, Mandy, erzähl mir was! In welche Klasse gehst du noch mal, wie sind die Noten…ist das alles wirklich so schlimm?“

„Ja, das ist es…ich gehe in die 12. Klasse eines Gymnasiums und ich bin Klassenschlechteste. Mein Schnitt liegt derzeit bei 6 Punkten…“

Ich unterbreche sie. „Kann es sein, dass du einfach zu wenig lernst, um das mit dem Abi zu meistern?“

„Nein, das ist es ja! Ich lerne und lerne und am Ende ist alles umsonst…“

„Vielleicht lernst du nicht richtig.“

„Doch, ich habe das Gefühl, alles zu geben und das Resultat ist immer gleich schlecht…“

„Und du glaubst, das liegt an dir?“

„Vielleicht bin ich einfach zu dumm dafür…ich habe schon oft überlegt, einfach abzubrechen.“

Sie senkt den Kopf und blickt betrübt in ihr Glas. Sie hält sich daran fest, als würde es sie retten. Ich versuche mich nicht beirren zu lassen und frage sie weiter aus: „Und was willst du dann machen? Was willst du überhaupt jetzt mit dem Abi machen? Vielleicht brauchst du das ja später gar nicht?“

„Doch, ich würde gerne studieren.“

„Okay, das geht nur mit Abi…“

Wir schweigen, trinken einen Schluck, schweigen weiter. Ehe ich sie wieder fragen kann, fängt sie mit zittriger Stimme an zu sprechen: „Weißt du, ich war mal richtig gut in allem…aber jetzt bekomme ich gar nichts mehr hin. Mir fehlt einfach das kleine bisschen Erfolgsgefühl. Außerdem sind die anderen alle besser als ich und…“

„Vielleicht lernen die auch einfach mehr…oder…effektiver?“, unterbreche ich sie, weil ich mir ehrlich gesagt ihr Problem nicht so recht vorstellen kann bzw. wo es denn überhaupt liegt.

Sie blickt daraufhin betrübt auf ihre Fußspitzen und meint dann mehr zu sich selbst als zu mir: „Es hat alles keinen wert mehr. Alles, was ich gebe, wird nie genug sein, um auch nur annähernd mit den anderen mithalten zu können…“

Einerseits sollte mich diese Situation berühren, andererseits frage ich mich aber, ob sie das wirklich ernst meint. Ich habe jedenfalls auch ein Abi und habe damals so gut wie gar nichts gemacht. Nur abgeschrieben, viele intelligente Filme gesehen und Zeitung im Unterricht gelesen. Dennoch wäre es falsch, das zu sagen. Also stehe ich auf und setze mich neben sie. Ihr Blick wandert zuerst über meine Fußspitzen und blickt mich dann an. Verzweifelt. Am Ende. Mit 19…

„Hör zu, du kennst mich nicht, ich kenne mich ja selbst kaum. Ich bin einfach nur ein Arschloch, mehr nicht. Ich kann dir Pralinen, Schampus, Geld und meinen Körper schenken, aber ich denke, das wird dich nicht glücklicher machen. Aber willst du es?“ „Was, das Geld?“ „Eigentlich meinte ich das glücklich sein...“ Sie scheint ernsthaft zu überlegen, antwortet aber nicht. Ich lege ihr meine Hand auf den Kopf und beginne, ihr die Haare zu verstrubbeln. „Heeey!“, protestiert sie. „Ich finde die nur sehr interessant.“, gebe ich lächelnd zurück. Sie lächelt ebenfalls zurück. Nicht unbedingt stärker, als beim letzten Mal und ziemlich gestellt, aber immerhin ein Anfang.

„Also, was ist nun mit glücklich sein?“

„Ich bräuchte vielleicht so eine Art Manager, der mein Leben in die Hand nimmt. Er soll mir nicht das Abi abnehmen…aber mich zumindest wieder ins Rennen bringen. Aber ich glaube, das kann nur ich selbst.“

„Stimmt, denn das Abi ist und bleibt wohl ein Kampf mit sich selbst. Und nur mit sich selbst. Ein Machtkampf um Punkte. Und du musst es wollen. Nicht deine Eltern, nicht dein Lehrer und ich habe in dem Fall wohl noch weniger zu sagen…es kommt also nur auf dich an! Und die einzige Frau, die einen Manager braucht ist die Bundeskanzlerin. Die hat mehr zu tun als du.“

„Aber mir bricht irgendwie die Decke auf den Kopf…ich kämpfe und kämpfe, aber es wird nicht besser mit den Noten. Ich will ja lernen und bin auch motiviert, aber ich will auch Erfolge sehen…ohne diese sinkt meine Motivation ins Bodenlose…und parallel dazu bin ich von den Erfolgen der anderen umgeben. Für jeden meiner Klassenkameraden scheint das Abi nur ein Spaziergang zu sein. Jeder lernt angeblich so wenig und fängt oft erst nur einen Tag davor mit lernen an. Außerdem genießt jeder seine Jugend und bekommen alles unter einen Hut und auch noch gute Noten… Ich hingegen lerne stundenlang und bin gerade mal froh, zu funktionieren, zu duschen, zu essen und zu schlafen! Und bei mir macht das alles nur einen minimalen Unterschied. Das ist frustrierend…“

„Hmmm…ich kann mich da schlecht reindenken. Aber ich denke, dass die anderen auch Probleme in der Schule haben werden. Und dir wird es nicht besser ergehen, wenn du alles streichst, was dir Spaß macht. Dann hast du ja keinen Ausgleich für die Lernerei!“

„Aber ich habe schon alles versucht…und bei den anderen sieht das alles immer so einfach aus…ich hingegen bekomme das nicht hin…“

„Das kann ich irgendwie nicht glauben…irgendwas machst du falsch…“

„Ach ja, wie war denn dein Schnitt?“

„2,3…“

Mandy wird bleich, ihr Blick wandert wieder zu ihren Fußspitzen auf den Boden.

Mit zitternder Stimme fährt sie fort: „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich so lange durchhalte und es bis zum Ende durchziehen kann. Ich habe Angst…vor dem Ende. Egal vor welchem. Und doch…kann ich einfach nicht mehr… Alles überfordert mich nur noch. Ich will nicht aufhören mit dem Abi, aber ich kann auch nicht wirklich weitermachen, so schlecht wie ich bin. Das macht mich alles kaputt. Alles raubt mir die Luft zum Atmen, die Wände der Schule bezeichnen mich als Versagerin…und, und ich zwinge mich jeden Morgen aus dem Bett und mache gute Miene zum bösen Spiel und tu so, als wäre alles super, dabei ist nichts super, dabei hallt alles in meinem Kopf und mir wird jeden Tag auf dem Weg in die Schule schwindelig, weil ich weiß, dass ich keine Chance habe, mich da durchzusetzen. Und manchmal würde ich gerne mitten im Unterricht aufstehen und einfach gehen. Aber wenn ich das Abi nicht schaffe, kann ich alles vergessen Es geht um meine Zukunft und mein Leben…und darum, ob ich intelligent bin…du weißt nicht, wie das ist…“

 

Nein, das weiß ich wirklich nicht, denke ich mir nur, denn irgendwie stockt mir der Atem. So viel negatives Gefühlswirrwarr habe ich schon lange nicht mehr gehört. Habe ich es jemals? Wenn sich ein kleines Mädchen so Gedanken über ihr Leben macht, was ist dann erst mit meinen Ex-Freundinnen? Okay…die sind zwar längst nicht so schlau wie Mandy, eher hohl, aber dennoch menschlich. Das bin ich ja auch…irgendwie…

Mandy blickt mich nun wieder traurig an. In ihren Augen spiegelt sich Leid wieder, welches für mich gar nicht nachvollziehbar ist, da ich diese Situation nicht kenne, in der sie sich befindet. Ich habe nie Zukunftsängste kennen gelernt, mein Weg war gegeben und ich bin sozusagen ein Glückspilz auf ganzer Linie, was das angeht. Dafür habe ich wiederum ganz andere Defizite…

 

Als ich meine Stimme nach sekundenlanger Stummheit wiederfinde, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, meine ich: „…was ist schon Intelligenz? Ich denke du weißt selbst, dass Noten nicht von Intelligenz zeugen. Sie bewerten einfach nur, wie gut du gelernt hast und das Gelernte widergeben kannst. Das muss nicht unbedingt intelligent sein. Wahre Intelligenz ist nämlich viel mehr. Sie ist etwas so Komplexes und mit Sicherheit nicht einheitlich. Keiner da draußen ist intelligent. Und doch sind es alle. Und keiner ist intelligenter als der andere. Denn jeder hat seine Stärken und Schwächen in verschiedenen Themengebieten. Und so kann jemand ohne Abitur trotzdem mehr wissen als ein Abiturient mit einem Schnitt von 1,0!“

„Das lässt sich so leicht sagen…“

„Ist aber so. Meine Wände schreien mich übrigens auch an und bezeichnen mich als Arschloch, Versager und als Was-weiß-ich.nicht-Alles. Aber mir ist das mittlerweile egal. Ich stehe sozusagen über der Wand, ansonsten wäre es mir gar nicht möglich, so ein Leben zu führen. Nur…“, ich senke nun auch den Kopf und blicke auf meine Socken, „…nur leider haben meine Wände öfter recht als mir lieb ist…“

„Du wiederholst dich. Du musst kein Arschloch sein.“ meint Mandy, die mich wohl einfach noch nicht kennt. Ich blicke sie an und hoffe, dass sie nun endlich versteht, was ich ihr sagen möchte: „Ich weiß…aber dann musst du auch keine Versagerin sein! Vielleicht schreien die Wände auch nur das, was du an negativen Gedanken in sie hineininterpretierst. Die Wand an sich schreit nicht. Es ist dein Kopf! Und deine Gedanken!“

„Aber ich komme davon nicht mehr weg. Es erdrückt mich…“

„Weißt du, ich regele normalerweise alles mit Geld und Sex. In deinem Fall muss ich mich wohl auch ändern…nein…ich will es auch irgendwie... Also gibt es wohl nur eine Lösung in diesem Fall…“

„Welche denn?“

„Ich bin mir sicher, dass du das Abi schaffst, wenn man dich nur ein wenig wieder auf den Weg schubst. Bis hierhin hast du es ja auch geschafft. Und du weiß ja, nichts ist im Leben umsonst. Außerdem müsstest du ansonsten auf ewig mit dem Gedanken leben, versagt zu haben. Klar fällt dir zuerst ein Stein vom Herzen, wenn du abbrichst und die Last nicht mehr ertragen musst. Aber das wirft wiederum neue Probleme auf und der Abbruch ist ein Defizit, das du nicht mehr so leicht korrigieren kannst!

Du kennst mich nicht und vermutlich hältst du mich auch für einen Idioten, aber du sitzt ja noch hier…und…ich weiß nicht…irgendwie mag ich dich…und…naja…vielleicht brauchst du ja doch einen Manager?“

In ihre Augen tritt plötzlich Leben. Ungläubigkeit, Verwunderung und Erwartung zugleich.

„Kannst du das denn? Ich brauche jemanden, der mein Leben in die Hand nimmt und mich leitet, Schritt für Schritt. Jemanden, der mich motiviert und mir Mut und Hoffnung macht, aber auch quält und zwingt, nur noch an die Schule zu denken. Und doch sollte mir dieser Jemand zeigen, dass es noch ein Leben gibt, das außerhalb von all dem stattfindet…“

„Hui, da wäre ich wohl genau der richtige…du hast das große Los gezogen, an jemanden belesenen geraten zu sein, der das Leben dennoch voll auskostet, Tag für Tag.“ Ich zwinkere ihr zu und habe so ein schönes Prickeln ganz tief in mir drin, im Herzen…oder in der Seele? Egal, ich habe das Gefühl, dass ich jemandem wirklich helfen kann. Jemandem mit Potenzial…was Sinnvolles tun…eine Aufgabe haben. Das wird toll.

Ich komme aus dem Grinsen gar nicht mehr raus und der Alkohol tut sein Übriges dazu. Jedenfalls lächelt sogar Mandy zurück und zwar richtig und nicht nur so halb. „Na also, geht doch!“, meine ich und stehe auf. Ich falte meinen 100 € Schein auseinander und stecke ihn in die Hosentasche. „Lass uns Lernzeug shoppen gehen!“