Journey...Alles-und-Nichts

Das Spiel mit dem Tod - One

, 19:26pm

1

 

 

„Nikos? Bringst du bitte den Müll raus?“

„Ja! Bin auf dem Weg!“

Ich sitze am Computer und bin eigentlich gerade am Schreiben. Eine Geschichte oder einen Roman, so etwas will ich mal schreiben, dachte ich noch vor zwei Stunden und fing damit an. Bis jetzt habe ich nur Kurzgeschichten geschrieben, weil ich immer ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter komme. Obwohl ich es in der Hand habe. Ich kann entscheiden wie die Geschichte weitergeht und enden wird. Doch es fällt mir immer schwer weiterzuschreiben und ein gutes Ende zu finden. Und man sollte alles nicht so in die Läge ziehen, denn dadurch wird die Geschichte uninteressant und man verliert die Lust am Lesen. Ich komme also nicht weiter und denke mir, ich könnte auch genau so gut den Müll rausbringen.

Auf dem Weg in die Küche fängt mich meine Mutter mit den Müllsäcken ab. Eine Frau, mitte 30, dunkelbraunes, schulterlanges Haar. Eine normale Frau eben. Eine, die man auf der Straße nicht wiedererkennen würde, da sie so aussieht wie viele andere. Sie ist nicht so streng wie andere Mütter, sondern eher locker. Mit ihr kann ich über fast alles reden, weil sie mich versteht, sich meine Probleme anhört und mich nicht abschiebt, weil sie keine Zeit hat. Doch diesmal wirkt sie besorgt. Als sie meinen Blick bemerkt, lächelt sie und schüttelt den Kopf. Dann bekommt sie wieder diesen leeren abschweifenden Blick. „Ein Brief. Von deinem Dad.“ Sie deutet auf das kleine Tischchen im Gang auf dem immer die Post liegt. Mein Dad hat mich und meine Mutter vor acht Jahren verlassen. Jetzt bin ich 17 und er schreibt mir immer noch Briefe, die ich nie beantworten werde. Meine Mum hat keinen Kontakt mehr zu ihm und ich denke, ich sollte auch keinen anfangen. Ihr zuliebe. Wegen einer anderen verlassen zu werden musste ziemlich hart für meine Mum sein. Ich stelle es mir zumindest so vor, denn ich hatte noch nie eine Freundin. Mein bester Freund, denn ich schon mein Leben lang kenne, auch nicht. Jetzt warten wir beide ab, wer zuerst eine Freundin bekommt. Frauen meinen wohl, wir sollten die Initiative ergreifen. Zumindest steht das in den Frauenromanen, die meine Mum liest. Ich lese sie auch, aber nicht direkt vor ihren Augen, sondern heimlich. Denn ich möchte wissen, was Mädchen so denken, um sie zu verstehen.

Ich nehme meiner Mum die Müllsäcke ab und gehe vor die Tür, den schmalen Weg entlang zu den Mülltonnen. In der Luft ist etwas Eigenartiges. Sie ist schwül. Als würde es bald anfangen zu regnen. Die Tonne steht auf dem Bürgersteig. Ich hebe den Deckel an und quetsche die Müllsäcke hinein. Sie passen gerade noch so hinein. Beruhigt will ich mich umdrehen um mich wieder meiner Geschichte zu widmen, doch ich bleibe schlagartig stehen. Vom Haus gegenüber hört man Geschirr zerbrechen und Schreie. Gebannt von dem lauten Krach gegenüber vergesse ich alles um mich herum, sogar, dass ich eigentlich nur den Müll rausbringen sollte.

Plötzlich wird es still. Eine Stille, die alles verschluckt. Dann ein lauter Knall, als würde ein Schrank umfallen. Eine Ewigkeit, wie es scheint, hört man nichts außer hysterischem Schluchzen. Ich stehe immer noch da und starre auf das Haus gegenüber ohne es mir bewusst zu sein. Erst jetzt bemerke ich, dass eine Krankenwagensirene ertönt. Ich reiße mich von dem nichtssagenden Anblick los und Blicke in die Richtung aus der der Krankenwagen kommt. Er kommt immer näher und hält vor mir auf der Straße. Ich denke nichts. Stehe nur da und warte ab. Bevor mich die Ahnung überkommt, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte, geht die Tür gegenüber auf. Ich gehe unbewusst ein paar Schritte nach links und lehne mich etwas vor, damit ich sehen kann was passiert ist.

Die Sanitäter rennen mit einer Trage ins Haus und kommen mit einer Frau darauf heraus. Der Mann steht in der Tür und redet mit einem der Sanitäter und einer Person, die ich nicht sehen kann, da sie anscheinend im Haus ist. Auf einmal gestikuliert er wild mit seinen Armen, sodass der Sanitäter ihn festhalten muss. Sie scheinen zu diskutieren. Ich bekomme jedoch nur einzelne Wortfetzen davon mit.

„So beruhigen sie sich doch…“

„Wenn ich es ihnen doch sage…ein Unfall...“

Ich sehe wie der Mann ins schwanken gerät. Anscheinend ist er betrunken. Ob es einen Streit gab und er seine Frau attackiert hat? Das kurze Gespräch scheint beendet und der Sanitäter macht sich auf den Weg zum Krankenwagen. Der Mann rennt ihm hinterher. Anscheinend will er mitfahren. Als der Krankenwagen mit lautem Getöse davonfährt werfe ich einen Blick zur Tür gegenüber, die jetzt geschlossen ist. So leise wie möglich laufe ich über die Straße, doch hinter mir geht die Tür auf und meine Mum ruft mich: „Nikos, was machst du da draußen? Es gibt Abendessen.“ Leider muss ich umkehren. Ich hätte zu gerne gewusst, was dort passiert war.

 

 

 

2

 

Ich liege im Bett und denke nach. Vielleicht war es nicht so. Ich habe nichts gesehen, kann nichts beweisen. Ist es nur eine Geschichte? Eine Geschichte mit Problemen, die ich mir ausdenke, weil mein Leben angeblich „normal“ verläuft und ich mehr Action brauche? Aber dass wünscht sich wohl fast jeder: Action, Spannung und Nervenkitzel. Außer die, die das haben. Ein „unnormales“ Leben. Ein Leben in dem alles anders ist. Mit mehr Problemen unter denen man dann zusammenbricht nur um zu wissen, dass man lebt, denn das sagt einem niemand. ‚Weil sie es nicht wissen’, sagt eine Stimme in meinem Kopf. ‚Sie wissen nichts. Sie sind naiv und denken optimistisch. Sie erkennen die Wahrheit nicht.’ Ganz klar, ich bin auch nicht „normal“, wenn ich schon wieder so etwas denke oder denken will. Nur damit ich mir ein Leben ausdenke, dass ich dann aber nicht Leben will. Jeder trägt die Last mit sich. Seine eigene Haut, aus der man nicht raus kann. Man kann sich sein Leben ausdenken, oder mehrere, doch im Inneren wird man immer dieselbe Person sein. Eine zersplitterte Seele, deren Milliarden kleine Teilchen wie Staub im Inneren des Körpers gleiten und sich nicht einfangen lassen. Wie Gedanken. Sie lassen sich nicht einordnen, weil sie alle irgendwie zusammenhängen.

Ich schließe die Augen, doch im selben Augenblick fällt mir ein, dass mein Computer noch an ist. Wie immer, wenn ich den Computer sehe, gehe ich kurz ins Internet und sehe nach meinen Mails.

 

Von: Mario

An: Nikos

Betreff: Eltern…

Hey Nikos! Was machst du so? Wir müssen uns am Freitag treffen…meine Eltern wollen sich scheiden lassen und entscheiden wo ich hinkomme. Kann sein, dass ich umziehen muss…

Ich ruf an.

 

Mario ist mein bester Freund, den ich schon seit meiner Geburt kenne. Seine Mutter ist meine Patentante und eine gute Freundin meiner Mutter. Die Nachricht, dass seine Eltern sich trennen müssen schockt mich nicht, denn seine Eltern haben sich schon längst neu orientiert und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie sich trennen würden. Mario sagte schon immer, dass er vielleicht mal umziehen muss. Aber bis jetzt dachte ich nicht daran, dass es jemals so sein wird, da er mein einziger wahrer Freund ist, den ich habe und ich mich immer auf ihn verlassen kann und er sich auf mich. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.

 

Ich schreibe ihm zurück:

Hey Mario! Ich lag grad im Bett und dachte nach, da merkte ich, dass der PC noch an war, das sollte ich mir mal abgewöhnen.

Wegen deinen Eltern: Ich hoffe, ihr findet eine gute Lösung. Ruf mich an wenn es etwas Neues gibt.

 

Dass ich auch hoffe, dass er nicht wegziehen muss, schreibe ich nicht, da es so selbstsüchtig klingt. So, als würde ich mich nur dafür interessieren, dass er bleibt. Ich hoffe es aber trotzdem.

Ob alle Menschen so denken?  Sagt man die Dinge, die man sagen will nur deshalb nicht, weil man nicht weiß wie sie ankommen? Oder sagt man sie nicht, weil man Angst hat sie zu sagen und sich deshalb nicht traut? Schade, dass man trotz angeblicher Meinungsfreiheit nicht sagen kann was man denkt, aber für das was man sagt selbst verantwortlich ist. Einfach nach dem Motto: Sag was und du musst die Konsequenzen tragen. Irgendwie gut, aber andererseits auch schlecht. Man muss also immer aufpassen was man sagt.

 

 

 

3

 

Mitten in der Nacht wache ich vom Regen erschrocken auf. Mein Bett steht direkt unter einem Fenster, daher muss ich nicht extra aufstehen um zu sehen was draußen los ist. Ich richte mich also auf und Blicke in die fast Schwarze Nacht, die von einem Blitz erhellt wird. Es ist dieselbe Szenerie wie immer: Erst der Blitz, der in den Augen schmerzt und keine wirkliche Form annimmt, sondern nur den Himmel erhellt. Ich für meinen Teil habe noch nie einen Blitz gesehen wie man auf Warnschildern oder im Fernsehen sieht. Vielleicht sehe ich nur nicht genau genug hin. Danach folgt der Donner, der sich anscheinend nach dem Blitz richtet. Je länger der Blitz, umso länger, lauter und furchteinflößender ist der Donner. So kommt es mir zumindest immer vor. Begleitet wird das Gewitter vom Regen. Immer wenn es regnet, dann ist es für mich als sei die Welt verstummt. Ich höre dann nur die Klänge der Natur und nehme nichts mehr wahr. Dasselbe geschieht, wenn ich ins Meer blicke. Alles wird still, ich denke nichts, sehe nur das Meer. Es zieht mich jedes Mal in eine Art Bann und wenn ich wieder zu mir komme, ist mir die Zeit davongelaufen. Aber ich bin dann noch wie in Trance und denke ein bisschen Zeit zu verlieren ist ab und zu gar nicht so schlecht. Beruhigt von den Klängen des Regens schlafe ich wieder ein.

 

 

 

4

 

Sechs Uhr morgens: Mein Wecker klingelt. Ich fühle mich, als wäre ich die ganze Zeit wach gewesen und hätte nur auf das Klingeln des Weckers gewartet oder als wäre ich nach dem Einschlafen gleich wieder aufgewacht und es wäre bereits morgen. Doch obwohl ich das Gefühl habe überhaupt nicht geschlafen zu haben, bin ich nicht müde.

Ich freue mich nicht im Geringsten auf die Schule, da mich dort sowieso nur alle indirekt fertig machen. Ich kann sie nicht leiden, diese typischen Jugendlichen, die alle verachten, die nicht wie sie sind. Bloß weil man keinen Spaß daran hat alle runterzuziehen und sich selbst alle Rechte zu verschaffen. Da die Mehrheit so ist, habe ich auch keine Freunde auf dieser Schule. Mein bester Freund geht leider auf eine andere Schule, deswegen bin ich ganz auf mich allein gestellt. Aber das ist mir mittlerweile egal. Lieber bin ich alleine als mich mit solchen Menschen anzufreunden. Ich wäre dann auch nicht besser als all die anderen.

Sie hassen mich. Sie schließen mich alle aus. Aber ich will es so. Warum bin ich dann trotzdem verletzt? Nur weil ich anders bin und mir die Nägel schwarz lackiere. Andauernd bin ich der Satanist, obwohl ich eigentlich nichts Genaues bin, ich gehe meinen eigenen Weg und richte mich nicht nach Klischees. Heutzutage muss sich jeder in eine Schublade stecken lassen. Und man darf bloß nicht verwechselt werden. Wer nicht irgendwo dazugehört, der ist wirklich arm dran.

Hungrig verlasse ich das Brot- und Toastlose Haus. Ich schließe die Tür hinter mir zu, drehe mich um und sehe wieder das Haus gegenüber. Auf einmal fällt mir alles wieder ein. Wie es dort drin wohl aussieht? Ich habe noch zehn Minuten bis der Bus kommt. Er hält direkt zwei Häuser weiter. Die Neugierde überkommt mich und ich gehe so unauffällig wie möglich auf das Haus zu. Ich weiß, es geht mich nichts an. Doch es interessiert mich aus irgendeinem Grund. ‚Ist ja auch verständlich, dass man sich für die Nachbarschaft interessiert’, versuche ich mir einzureden. Ich schlendere also wie absichtslos auf das Haus zu. Vor der Tür tue ich so, als würde ich klingeln und anschließend warten bis jemand aufmacht. Alles soll unverdächtig aussehen. Aber wahrscheinlich ist das unnötig, weil allen sowieso egal ist was ich hier mache. Ich denke aber leider, dass mich jeder beobachtet und sich jeder seinen Teil dazu denkt. Ziemlich paranoid. Nach einer Minute Warten gehe ich einige Schritte weiter um in ein Fenster zu blicken. Die Vorhänge sind zur Seite geschoben und ich sehe direkt ins Zimmer. Es ist so wie ich es nie gedacht hätte. Unverwüstet, sauber, ordentlich, also normal, wie es sein soll. Damit habe ich nicht gerechnet. Vielleicht war das alles doch nur Einbildung, ein Traum? Oder eine von meinen ausgedachten Geschichten?

Ich drehe mich um und gehe zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch gleich und ich steige ein. Wie immer steuere ich gleich auf meinen „Stammplatz“ am Fenster in der vorvorletzten Reihe links zu. Er ist frei. Er ist immer frei, da sich die meisten entweder ganz vorne oder ganz hinten hinsetzten. Wie witzig, ich kann das Haus von hier aus sehen. Das Haus von dem ich mir wohl alles nur eingebildet habe.

„Hallo“, sagt eine Stimme. „Ist hier noch frei?“ Erschrocken fahre ich aus meinen Gedanken hoch und sehe ein Mädchen mit wasserstoffblondem Haar und großen, grünen Augen, das mich anlächelt. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und sage dann: „Ja“ Ich sehe sie zum ersten Mal. Ich muss sie verwirrt angestarrt haben, denn sie fragt mich plötzlich: „Ist was?“ „Nein“, sage ich und drehe mich wieder zum Fenster. Bestimmt bin ich ziemlich rot geworden. Aber es ist nun mal so, dass ich oft das anstarre, was mich gerade beschäftigt. Es ist wie eine schlechte Angewohnheit. Schlechte Angewohnheiten sind meistens unbewusst und lassen sich nicht so einfach abgewöhnen. Es sei denn, man sucht sich eine neue, schlechte Angewohnheit um die andere zu verdrängen.

„Auf welche Schule gehst du?“ Sie will wohl ein Gespräch anfangen. „Bullet Madness High School. Und du?“ „Ich auch. Heute ist mein erster Tag.“ Sie lächelt freundlich. Ich versuche gar nicht erst fröhlich zu sein. Der Schulalltag würde alles wieder zerstören und ich wäre unglücklicher als zuvor. Sie redet weiter: „Ich bin vor kurzem erst in diese Gegend gezogen. Mit meinen Eltern. Doch dann wurde meine Mum krank und musste ins Krankenhaus. Mein Dad sagte, sie starb im Krankenwagen. Jetzt sind wir alleine.“ Jetzt lächelt sie nicht mehr, sondern starrt auf ihre Handinnenflächen. Entsetzt sagt sie: „Ich…will…nicht…mehr… Kannst du mir etwas versprechen?“ Jetzt sieht sie mich an. Mit einem Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, der einen erstarren lässt und ihm seine Seele raubt. „Ja“, antworte ich geistesabwesend ohne mir im Klaren zu ein, dass man das eigentlich nicht machen sollte. „Dann leugne bitte nie mich zu kennen. Das tun sie alle. Sie hören mir erst zu und sagen dann ‚verschwinde’ oder ‚hau ab, erzähl das jemandem anderen’. Dann sind sie weg.“ Ich habe keine Ahnung wovon sie redet, aber irgendwie verstehe ich sie. Sie braucht jemanden zum reden um ein Trauma oder etwas Ähnliches zu überwinden. Nur komisch, dass sie zu mir gekommen ist. Niemand sucht normalerweise meine Nähe. Immer wenn jemand Neues in die Klasse kommt, hoffe ich vergeblich, dass diese Person zu mir kommt, damit ich endlich auch jemanden als Klassenkameraden habe. Aber das wird niemals so sein. Die meisten gehen zu den „Coolen“ über. Wahrscheinlich ist das auch der einzige Weg um zu überleben. Ich werde diesen Weg trotzdem niemals einschlagen.

Der Bus hält vor der Schule. Sie steht auf, dreht sich aber noch mal zu mir um. „Kommst du?“ Ich fühle mich etwas unwohl, weil ich nicht weiß, was in ihr vorgeht oder was sie vorhat. Also stehe ich lieber auf und steige mit ihr aus dem Bus. Wir gehen den Weg bis zum Tor der Schule. Überall Schüler und Schülerinnen. Ich weiß nicht ob ich mich irre, aber sie scheinen uns anzustarren. Was wohl die aus meiner Klasse sagen werden? Bestimmt werden sie reden. Wie immer. ‚Habt ihr den Freak schon gesehen? Der hat jetzt eine geisteskranke Freundin. Das passt ja.’

Ich bringe das Mädchen zum Sekretariat. „So, da sind wir. Ich muss jetzt zum Unterricht…“ „Schon gut. Bis dann.“ „Ja…bis dann“ Sie klopft und geht dann durch die Tür. Ich drehe mich um und mache mich auf den Weg zu meinem Spind 665. Es gibt wirklich Zufälle, die keine sind. Da denkt man schon mal, dass 665 so einer ist. Denn 666 ist die Zahl des Teufels und mein Spind ist direkt daneben. Spind 666 wäre natürlich ein größerer Zufall. Ich schließe also auf und sehe erst mal ein Chaos von Büchern, Sportsachen, Kunstprojekten und anderen Merkwürdigkeiten. Auf dem Stundenplan an der Innenseite der Tür steht:

 

Montag:

  1. Stunde: Mathe
  2. Stunde: Deutsch
  3. Stunde: Sport
  4. Stunde: Sport
  5. Stunde: Physik
  6. Stunde: Englisch
  7. Pause
  8. Pause
  9. Geschichte
  10. Geschichte

 

Na Toll, 1. Stunde Mathe beim Kresse. Ich hole mein 5-Kilo Mathebuch und mache mich auf den Weg in sein Klassenzimmer. Die Tür steht offen, doch die „Coolen“ versperren mir mal wieder den Weg. Natürlich nicht wirklich, aber sie hängen andauernd vor der Tür herum und wenn du vorbei gehst sehen sie dich so an, als wärst du irgendetwas Seltsames. Ich gehe auf die Tür zu, mit einem unguten Gefühl, weil sie gleich wieder anfangen werden mir diese Blicke zuzuwerfen. Ich muss versuchen sie nicht zu beachten, mit diesen Idioten ist nicht zu spaßen. Die würden mich verprügeln, wenn ich sie auch nur eine Sekunde ansehen würde.  Sie unterbrechen ihr Getuschel. Ich gehe an ihnen vorbei. Ich spüre sie. Diese Blicke, die töten könnten. Ich versuche sie nicht zu beachten und steuere auf einen Platz in der 2. Reihe zu. Der Mathematikraum hat Zweiertische, das heißt, irgendjemand könnte eigentlich neben mir sitzen, aber das macht natürlich niemand. Also bin ich immer alleine.

Herr Kesse kommt ins Zimmer. Aber nicht alleine. Ein Mädchen folgt ihm und ich erkenne sie wieder. ‚Die aus dem Bus’, denke ich noch, bevor der Lehrer anfängt zu schreien: „Setzten, sonst Strafarbeit!“ Schlagartig verstummt jegliches Geräusch und die Schüler eilen zu ihren Plätzen. „Es ist mal wieder Zeit für frischen Wind…“ Oh nein, jetzt kommt der Vortrag wieder. Immer wenn jemand neues der „Klassengemeinschaft“ beitritt, hält er einen Vortrag, weil leider immer alle in seiner Stunde neu dazukommen. „…also tritt heute eine neue Schülerin in unsere Klassengemeinschaft, die bislang ein Vorbild für alle anderen Klassen war. Haltet das auch so. Seid nett zu…äh…Guillotine…“

Guillotine? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Ich blicke hinter mich. Alle starren sie an. Sie kommt auf mich zu. Nein, sie setzt sich neben mich. Ich spüre wieder diese tötenden Blicke. Sie sieht mich an. Ernst und besorgt. „Ja…ich bin Nikos…“ Etwas Besseres fiel mir in diesem Moment nicht ein. „Guillotine“, sagt sie nur.

 

 

 

5

 

Eine langweilige Mathestunde bei Herrn Kresse. Ich hatte es noch nie bemerkt, aber er redet ziemlich viel wirres Zeug von wegen seiner Frau und Kühlschrank. Sollte er uns nicht Mathe beibringen? Ich sehe zu Guillotine rüber. Sie hat ihr Buch offen und lernt Mathe. Gute Idee, wenn der Lehrer uns nichts beibringt, dann müssen wir das eben irgendwie selber versuchen. Ich schlage ebenfalls mein Buch auf. Gerade will ich losschreiben, da bemerke ich, dass mein Block fehlt. Ich wühle in der Schultasche, finde aber nichts. Mist. Dann muss ich eben doch dem Kresse zuhören wie er sich über alles aufregt. Als hätte meine Sitznachbarin meine Gedanken gelesen, legt sie ein Blatt vor mich hin. „Danke“, flüstere ich ihr zu. „Bitte.“

Herr Kresse: „So, dann fangen wir jetzt mit Mathe an. Ich lasse mich wirklich zu leicht ablenken…“ Natürlich lenken die Coolen ihn extra vom Unterricht ab, damit sie nicht Mathe machen müssen. Es läutet. Alle stürmen aus den Klassen. Herr Kresse steht wie angewurzelt da, unglücklich und ratlos. Er tut mir fast ein bisschen Leid. Aber nur fast.

Ich laufe mit Guillotine zu den Spinden. „Welche Nummer hast du?“ Wir bleiben stehen. „Diese“ Sie deutet auf den Spind neben meinem: 664. „Dann sind wir ja…Spindnachbarn.“ „Ja…kann sein.“ Irgendetwas ist mit ihr. Sie wirkt, als hätte sie keine Gefühle, als wäre ihr alles egal. Warum mache ich mir so viele Gedanken. „Wir haben jetzt Deutsch.“, sagt sie. „Ja…holen wir unser Zeug und gehen ins Klassenzimmer…“ „Meine Eltern haben mir diesen Namen gegeben, weil ich ein ungewolltes Kind bin. Sie schenkten mir nie Liebe, deshalb Guillotine. Ich bin eine schreckliche Person. Ich sollte nie existieren.“ Ich starre sie an. Geschockt. Was soll ich machen? Ich kann sie schlecht noch mehr runter machen, aber das Gegenteil kann ich ihr auch nicht beweisen, weil ich sie nicht kenne. Ich sage also nichts, was aber ein Fehler ist, denn sie rastet im selben Moment aus. „Ich…will…nicht…mehr.“ Bei jedem Wort wird sie lauter. Dann beginnt sie zu schreien. Alle sehen uns mit großen, angsterfüllten Augen an. Ich halte ihr meine Hand vor den Mund, damit sie nicht mehr schreien kann. Schlagartig wird sie still, leblos. Ich flüstere ihr ins Ohr: „ Hör zu, du kannst mir naher alle Probleme erzählen, aber bitte, halte es noch bis zur Mittagspause durch.“ Sie nickt stumm. Wir gehen zum Unterricht.

Ich weiß, sie starren uns an, sehen uns hinterher, verfolgen uns. Man könnte glauben, ich bin auch verrückt, paranoid. Ich sehe Guillotine ins Gesicht, doch sie starrt während wir zum Klassenzimmer gehen auf den Boden. Mit diesen leeren Augen. Was soll ich sagen? Alles würde taktlos klingen. Ich sage nichts. Im Klassenzimmer angekommen setzen wir uns wieder nebeneinander. Ich sehe wie die hintere Reihe auf uns zeigt und redet. Sie reden über uns. Ich weiß es. Ich will aufstehen und ihnen meine Meinung sagen, Ich will, dass sie gehen und uns in Ruhe lassen. Ich senke den Kopf und beginne die Lektüre zu lesen, die uns letzte Stunde ausgeteilt wurde. Wir sollen in dieser Stunde fertig werden. Das Buch hat insgesamt 64 Seiten. Ich bemerke jedoch, dass Guillotine kein Buch hat und melde mich. Frau Horst ruft mich auf. „Was gibt’s?“ „Guillotine hat noch kein Buch.“ „Wer ist Guillotine?“ Ich deute auf meine Sitznachbarin. „Ah…die Neue. Ich hol dir eins.“ Frau Horst steht auf und geht aus dem Zimmer. Sobald die Tür geschlossen ist, bricht die Hölle los und die Coolen kommen nach vorne. „Ey du, Nikos, oder? Hast ne Freundin, Alter?“, fragt Patrick, der Anführer. „Und wenn?“ Ich lege mich normalerweise nicht mit solchen Typen an, aber jetzt ist das Maß voll. Ich werde mir nicht länger ansehen, wie sie mich paranoid werden lassen. Ken, sein Sklave, meiner Meinung nach, kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus, rennt zur Tafel und malt ein Herz. In das Herz malt er die Buchstaben N+G. Dann malt er noch eine Guillotine. „Kopf ab! Hehe…“ Ich fühle mich auf einmal hilflos. Was soll ich machen? Und, kann ich überhaupt etwas machen? Ich habe das Gefühl, wenn ich jetzt nichts sage ist es zu spät. Ich blicke Hilfe suchend Guillotine an, doch sie hat weiterhin einen leeren Blick und starrt geradeaus. Die Lehrerin kommt zum Glück in diesem Moment herein. Patrick und seine Company verschwinden wieder in die letzte Reihe und Ken verwischt noch schnell seine Zeichnungen. Frau Horst wirft der letzten Reihe und Ken, der hinterher stolpert einen strafenden Blick zu. „Nächstes Mal erwische ich euch, ich weiß was ihr hier vorne abzieht und glaubt bloß nicht man könnte mich hinters Licht führen.“ Das mag ich an der Lehrerin. Wir hassen dieselben Leute.

Bald ist auch diese Stunde rum und Guillotine und ich gehen wieder zu unseren Schließfächern. Sie schweigt immer noch.

 

 

 

6

 

Vor den Umkleidekabinen der Turnhalle trennen sich unsere Wege. Es tut weh sie in die Obhut dieser Zicken zu geben, aber sie wird schon auf sich selbst aufpassen können. Sie muss auch Freundinnen finden. Sonst endet sie so wie ich. „Mädchen und Jungs haben getrennt Sport. Wir sehen uns dann wieder vor den Schließfächern.“ Sie nickt und geht durch die Tür der Mädchenumkleidekabine. Ich drehe mich um und gehe durch die Umkleidekabine der Jungs. Der Sportunterricht verläuft heute auch nicht anders als die letzten Male. Die Coolen beherrschen alles. Sie sind die Sportlichsten und daher die Lieblinge der Lehrer. Schüler, die eine drei in Sport auf dem Zeugnis haben, nimmt er extrem hart ran. Und die, die schlechter als vier sind, werden von ihm ignoriert. Herr Kirsch ist da ganz schlicht gestrickt. Zeig, was du drauf hast und bekomm die eins. Sei ein Freak und bemüh dich und bekomm die 3. Ich gehöre zu den Dreiern. Aber ich entkomme wohl knapp der Vier wenn das so weitergeht...

Nach zwei Schulstunden Schwitzten und Hecheln können wir uns duschen und umziehen. Ich nehme mein Zeug und gehe aus der Sporthalle. Überrascht stelle ich fest, dass Guillotine auf mich wartet. Sie blickt mich mit großen, angsterfüllten Augen an und beginnt zu weinen. „Was ist?“, versuche ich sie zu beruhigen. Sie rennt mir in die Arme. Ich stehe vollkommen geschockt da. „Ich habe gehört wie sie mich holen und quälen wollen!“ „Wer?“, frage ich. „Die Zicken. Sie haben mich ausgelacht und verspottet. Ich werde von ihren Blicken verfolgt. Blicke, die töten könnten.“ Mir gefror das Blut in den Adern. Ich fühle mich auch immer, als würde mich jeder anstarren und dann auslachen. „Ich weiß wie du dich fühlst. Mir geht es genauso.“ Sie löst sich von mir und sieht mir in die Augen. „Sollen wir schwänzen?“ „Aber…“ Sie unterbricht mich.  „Ich halte es nicht bis zur Mittagspause aus.“ „Und wenn sie uns erwischen…okay, aber wo sollen wir uns verstecken?“ Sie kramt in ihrer Jackentasche. „Wir haben eine Entschuldigung…“ Sie holt ein Kleines Kärtchen heraus auf dem steht:

 

CHEFREDAKTEUR DER SCHÜLERZEITUNG

VERLASSEN DES SCHULGELÄNDES: GENEHMIGT

STUNDEN ZUM WOHLE DER ZEITUNG OPFERN: GENEHMIGT

BETRETEN DER REDAKTION: JEDERZEIT GENEHMIGT

 

„Toll, oder?“ Sie packt es wieder in die Tasche und zerrt mich am Ärmel hinterher bis ich freiwillig mitgehe.

 

 

7

 

Wir gehen auf den Redaktionsraum der Schülerzeitung zu. Sie drückt die Klinke runter und öffnet die Tür. Ich vergesse mich zu wundern, warum sie sich hier besser auskennt als ich. Der Raum ist klein. Vielleicht wirkt es aber auch nur so, weil er von oben bis unten mit Krempel vollgestellt ist. Mein Blick schweift über das Chaos, indem nur zwei Computer stehen. Sie geht auf einen zu und macht ihn an. „Die Lehrer müssen sehen, was wir machen. Ich melde mich mit meinem Passwort an und sie denken ich arbeite an etwas. Aber da ich schon vorgearbeitet habe und nichts mehr zu tun habe, kann ich ihnen Ergebnisse zeigen, verstehst du?“ Ich nicke. Sie wirkt wie verändert im Gegensatz zu vorhin.

Wir setzen uns an einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Ich warte ab, bis sie anfängt zu reden. Doch sie schweigt. Wir sehen uns an. Sie lächelt. Etwas zu sagen wäre jetzt in diesem Moment wohl taktlos, ich mache es diesmal trotzdem: „Ja…und jetzt?“ Ihr Lächeln schwindet. Ich bereue es nun, etwas gesagt zu haben. Sie legt ihren Arm auf den Tisch und krempelt ihren Ärmel hoch. Ich halte den Atem an. Zum Vorschein kommt eine Narbe Quer über der Pulsader. Es ist die Art von Narbe, die wohl für immer bleibt und nie verheilt. Sekundenlang blicke ich nur auf die Narbe, dann beginnt sie ihre Geschichte zu erzählen…

„Meine Eltern und ich sind nicht neu hergezogen. Wir leben schon immer hier, nur ich wurde bisher immer von meiner Mutter unterrichtet. Doch dann geschah ein Unfall. Gestern sperrte ich mich aufgrund eines Streits in mein Zimmer ein. Meine Eltern stritten. Ich konnte dabei einfach nicht mehr zusehen…Dann klopfte es auf einmal an meiner Tür. Ich öffnete nicht. Es war mein Dad. Er war betrunken und schlug daraufhin die Tür ein. Er versuchte mich zu fangen. Ich entkam ihm nur knapp, doch an der Treppe erwischte er mich. Er fesselte mich an einen Stuhl. Meine Mum lag auf dem Boden. Der Geschirrschrank auf ihr. Mein Dad nahm seine Flasche und schlug sie an die Wand. Überall flogen die Splitter. Er hob einen auf und kam auf mich zu. Noch nie hatte ich soviel Angst, doch auch jetzt schrie ich nicht. Es war, als wäre meine Stimme auf einmal weg. Er schlitzte mir mit einem Ruck den Arm auf, und dann die Fesseln. Dann rief er den Krankenwagen. Ich sah mir den Schnitt an. Dann stand ich auf um das Fließen des Blutes mit einem Tuch zu stoppen. Den Rest kennst du sicherlich, da du dabei warst. Ich hab dich gesehen.“

Jetzt löst sich auch ihr Blick von ihrem Arm und sie sieht mir wieder mit diesem eindringlichen Blick in die Augen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das Geheimnis ist gelüftet, aber dennoch beunruhigt mich etwas. Warum wehrt sich dieses Mädchen nicht? Das war bestimmt nicht das einzige Mal, an dem sie etwas Schlimmes erlebt hat.

„Was willst du jetzt machen?“, frage ich sie. „Nichts. Das muss ich aushalten…“ „Nein, musst du nicht. Du kannst ausziehen, in ein Heim, oder eine WG mit anderen, die auch Probleme mit ihren Eltern haben…“ Ich hatte das irgendwo einmal aufgegriffen und denke, es ist richtig ihr das so zu sagen. „Nein, das kann ich nicht. Ich bringe allen nur Unglück…vielleicht solltest du dich auch lieber von mir fern halten.“ „Soll ich dir meine Geschichte erzählen? Ich bringe nämlich auch nur Unglück...Bis zu meinem 9. Lebensjahr war mein Leben eher langweilig. Dann verließ mein Vater meine Mum wegen einer unausstehlichen Frau. So eine von diesen Zicken, die einem perfekt erscheinen, weil sie sich niemals ihre Probleme anmerken lassen. Ich musste sie kennen lernen. Sie war bei der Scheidung meiner Eltern dabei. Ich hasste sie, weil sie auch noch versuchte, nett zu mir zu sein. Mein Vater war bis dahin immer mein Vorbild. Aber diese Kleinigkeit, dass sie seine neue Frau werden würde, brachte mich dazu ihn zu hassen. Er schreibt mir immer noch Briefe, aber ich würdige ihnen keines Blickes und werfe sie ungeöffnet weg. Ich wohne bei meiner Mum, verstehe mich sehr gut mit ihr und vertraue ihr auch Vieles an. Sie ist nicht streng, aber oft viel zu besorgt. Ich habe das Gefühl, ich bin der Grund für ihre Sorgen. Es lässt sich schwer in Worte fassen…“

„Ich verstehe.“ Guillotine sitzt aufmerksam gegenüber mir. Mir ist klar, ihre Geschichte ist schlimmer als meine, aber es tut uns beiden weh. Egal wie stark der Schmerz sein kann, er ist immer gleich stark, auch wenn es einem nicht so vorkommt. Ich blicke auf die Uhr und fahre erschrocken hoch. Wir müssen gehen, sonst kommen wir zu spät zur Englischstunde.

 

 

 

8

 

Wir laufen gemeinsam zu dem Klassenzimmer, in dem wir immer Englisch haben. Die anderen sind schon alle da, als wir die Tür öffnen und hineingehen. Alles verstummt, wie es scheint und jeder starrt uns an. Ich gehe auf meinen gewöhnlichen Platz zu und spüre die Blicke im Nacken, wie ich sie immer, Tag für Tag, spüren muss. Diese tötenden, stechenden Blicke, die einen innerlich zusammenbrechen lassen. Ich weiß, was sie jetzt denken werden. Ich weiß es immer. Sie hassen mich. Sie denken, ich sollte gar nicht leben, nicht deren Luft einatmen. In ihren Augen habe ich kein Recht dazu. Manchmal bin ich so verzweifelt auch noch zu denken, dass sie Recht haben. Es kann nicht anders sein. Sie haben ja alle Rechte. Doch sie haben sie sich einfach genommen ohne zu fragen, ohne wenn und aber. Von einem Moment auf den anderen hatten sie alle Rechte und waren die Größten. Wie ich diese Art von Menschen hasse. Immer müssen sie die Größten sein und das Sagen haben. Es scheint so, dass sie Spaß daran haben zu sehen wie andere untergehen. Sie wollen immer andere scheitern sehen und helfen am Besten noch nach. Ich weiß nicht, was ich machen soll, blicke in keines dieser Gesichter, die mich verachten. Dieser Schmerz, der auf mir lastet, lässt sich nicht in Gedanken oder gar in Worte fassen. Ich bin machtlos.

„Ey du, verschwinde!“ Gerade will ich mich an meinen gewohnten Platz setzten, da ist einer schneller als ich. „Du sitzt hier nicht mehr, das ist jetzt mein Platz, also zieh ab!“ Ich stehe da, wie angewurzelt. Der Lehrer kommt rein und fordert alle auf sich hinzusetzten. Ich stehe immer noch. Guillotine hat einen Platz gefunden - ich nicht. „Nikos?“ Der Lehrer blickt mich fragend an. „Ich sagte, setzten!“ Alle blicken sie mich wieder an, doch ich kann nicht sagen, was passiert ist. Niemand glaubt mir. Niemand ist Zeuge… „Oh…ein neues Gesicht? Wie heißt du denn?“ Ich drehe mich um. Guillotine steht auf. „Ich heiße Guillotine…“ Ihr Blick ist leer. Dieser Lehrer, Herr Links, ist der Schlimmste an der Schule. Er ist genau wie die Schüler. Er denkt, er wäre der Größte, weil er die Schwachen niedermacht. Aber nur die Jungs. Den Mädchen würde er nie etwas ‚zu leide tun’. Doch ich glaube es ist anders. Er zieht sie förmlich aus. Mit seinen Augen. Jede Einzelne…

„Also meine Liebe,…“ beginnt er wieder „was hast du auf dem Herzen?“ Guillotine scheint es auch zu spüren. Dieses Gefühl, wenn dieser Lehrer einen ansieht. Doch bei ihr muss es viel Schlimmer sein. „Nichts.“ Sagt sie und setzt sich wieder. Herr Links kommt auf sie zu. Dass ich stehe, haben alle vergessen. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. Sie sitzt da, starrt auf ihren Tisch. Mit diesem leeren Blick, den sie immer bekommt, wenn sie leidet. Komisch, uns scheint wohl etwas zu verbinden. Ich weiß an ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Ausstrahlung, wie es ihr geht. Doch etwas ist eigenartig. Es ist, als habe sie zwei Gesichter. Für manche ist das normal, aber bei ihr merkt man es besonders.

Momentan sitzt sie einfach nur da. Der Lehrer geht weiter, er bückt sich und hebt ihnen Kopf am Kinn an, sodass er ihr ins Gesicht blicken kann. Ich fühle mich schlecht, würde ihr so gerne helfen, aber was soll ich machen? Ich weiß, wie sie jetzt ist. Jetzt wirkt sie autistisch und ‚spürt nichts’. Alles ist nicht mehr wichtig, ihre Seele ist verschlossen. Sie will nur ihre Ruhe, doch ich weiß, der Lehrer wird ihr diese Ruhe nicht gönnen. Wenn jetzt niemand eingreift, wird sie von den Gefühlen erdrückt, die sie zu verdrängen versucht.

„Herr Links…Patrick hat mir meinen Platz weggenommen...“ So etwas kostet mich immer viel Überwindungskraft. Ich bin selbst von meiner eigenen Stimme schockiert, die so selbstverständlich die Stille erdrückt. Normalerweise bleibt sie mir in solchen Momenten immer weg. Denn wenn niemand etwas sagt, es still ist, fällt es mir umso schwerer etwas in diese ergreifende Stille zu sagen. Mir kommt es dann so vor, als würde das Gesagte nicht passen und das Bild der Stille zerstören. Doch diesmal musste es einfach sein.

Herr Links steht langsam wieder auf und wirft mich seinen geringschätzigsten Blick zu. Die anderen machen es ihm nach. „Na und? Darum hast du dich gefälligst selbst zu kümmern.“ Das hatte ich erwartet. Diese Gleichgültigkeit. „Such dir jetzt einen Platz, sonst gibt’s Nachsitzen für dich!“ Stillschweigend mache ich mich auf den Weg zur letzten Rehe wo ein Stuhl abseits steht. Immer werde ich als böse dargestellt. Als schlechter Schüler…womit habe ich das verdient? Der Stärkere frisst wohl den Schwächeren. So ist die Gesellschaft. Ich habe den Stuhl erreicht und blicke mich um. Wo soll ich mich nur dazusetzten? „Ja, wenn man nur Feinde hat und niemand etwas mir einem zu tun haben will, weil man so ein schlechter Schüler ist wie du, dann wird es schwer einen Platz zu finden, oder?“ Ich blicke in ein durch und durch schadenfrohes gemeines Gesicht mit einem breiten Grinsen. Ich beschließe mich jetzt nicht darüber aufzuregen und stelle meinen Stuhl zu Guillotine. Dem Lehrer vergeht schlagartig das Lachen. Hasserfüllt starrt er mich an. Am Liebsten würde er mich jetzt umbringen oder besser quälen. „Hast du sie gefragt, ob du dort überhaupt sitzen darfst?“ Guillotine blickt zum ersten Mal, seit sie in der Klasse ist, auf. Ihre Augen glitzern leicht, als würde sie gleich beginnen zu weinen. Und ihre Stimme zittert leicht, als sie das Wort ergreift. Das scheint aber nur mir aufzufallen. „Er ist ein Freund. Er muss nicht fragen ob er hier sitzen darf. Außerdem haben sie mich auch nicht gefragt, ob sie sich neben meinen Platz hinknien dürfen…“ Die Gesichtszuge des Lehrers sind jetzt überhaupt nicht mehr zu identifizieren. Ausdruckslos würde man das wohl nennen. Langsam wird er blass. ‚Hoffentlich kippt er um’, traue ich mich gerade noch zu denken, da sagt er mit ruhiger, aber dennoch etwas zitternder Stimme: „Nachsitzen, nach der Schule.“

 

 

 

9

 

Die Englischstunde verläuft ähnlich wie sie angefangen hat. Ein paar mal ruft mich Herr Links auf. Doch seine Versuche mich als wirklich schlechten Schüler darzustellen scheitern, denn wie durch ein Wunder fällt mir alles aus den vergangenen Englischstunden wieder ein. Und dass, obwohl ich das Gefühl hatte eigentlich gar nicht wirklich anwesend gewesen zu sein. Das macht ihn wütend. Ich weiß, was er jetzt vorhat. Er will mir irgendwie eine Strafe aufgeben, weil ich es seiner Meinung nach verdient hätte. Aber ich habe ja nichts gesagt. Nichts Schlimmes zumindest. Diese Genugtuung macht mich irgendwie glücklich und ich grinse in mich hinein, während ich ihn da vorne stehen sehe. Verzweifelt und wütend zugleich. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich stark. Stark genug um mich bei der nächsten Frage zu melden. Er nimmt mich natürlich nicht dran, aber er sieht, dass ich mich als einzige Person melde. „Weiß denn niemand die Antwort!?“, fragt er die anderen. Nicht mich. Denn ich melde mich energischer als vorher. Niemand achtet jedoch darauf. Guillotine blättert gedankenverloren in ihrem Englischbuch. Es sieht zumindest so aus. Vielleicht sucht sie aber auch nur die Antwort. Das geht solange weiter bis sie bei einer Doppelseite gelandet ist, auf der Amerika dargestellt ist. Und jetzt meldet sie sich auch. Herr Links entdeckt sie sofort und ruft sie auf. „Ich glaube…“, beginnt sie ihren Satz, wird aber vom Lehrer unterbrochen: „Nicht glauben, wissen!“ „Okay, ich weiß nichts Konkretes über die Ausdehnung Amerikas, aber auf Seite 76/77 wird beschreiben wie…“

Sie wird wieder unterbrochen: „Das hatten wir…letzte Sunde. Und wenn ich jemanden brauche, der mir auf Knopfdruck etwas wiedergibt, dann…“

„…nehmen sie trotzdem nicht Nikos dran…“

Diese Worte flüstert sie, sodass niemand außer mir sie hören kann. Herr Links hat sie zum Glück nicht gehört, kommt aber trotzdem auf uns zu. „dann suche ich nicht bei euch in der Klasse, denn das hat keinen Sinn mit euch!“

Vor unserem Tisch bleibt er stehen. „Du kannst den Arm runternehmen, Nikos.“

Daraufhin nehme ich ihn runter und fühle mich wie im Regen stehen gelassen, wie bestellt und nicht abgeholt. Jetzt höre ich sie schon „Streber“ aus den letzten Reihen rufen. Ich versuche mir einzureden: ‚Wenigstens hast du die Antwort im Gegensatz zu den anderen gewusst’, aber irgendwie klappt das optimistisch denken nicht bei mir. Ich kann es zwar denken, aber glauben werde ich es trotzdem nicht wirklich.

Den Rest der Stunde hören wir alle eine Strafpredigt, aber zumindest fühle ich mich nicht so angesprochen wie früher. Obwohl ich bezweifle, dass sich überhaupt jemand angesprochen fühlt, denn Patrick sagt in regelmäßigen Abständen das Wort „Pause“, sodass Herr Links nach einer Weile genervt „Pause“ murmelt.

Die Stunde ist damit also vorbei und alle packen ihr Zeug zusammen. Ich warte noch auf Guillotine, die sich ihre Aufgaben abholt. Ich frage mich, ob sie jetzt nachsitzen muss oder erst nach dem Essen. Sie kommt auf mich zu, lächelt und zwinkert mir zu. Ich spüre wie mir die röte ins Gesicht sticht. Ein Gefühl, das mir unangenehm angenehm erscheint. Etwas paradox, denke ich. Dann gehen wir zu den Schließfächern. Niemand sagt etwas. Es ist so, als wäre alles verstummt. Die Stimmen, die reden, schlecht reden, werden von etwas unterdrückt. Ich nehme sie in diesem Moment nicht wahr.

Wir stopfen unsere Schultaschen in die Schließfächer und machen uns auf den Weg zur Kantine. „Was gibt es heute zu essen?“, fragt sie mich.

„So komisches Zeug mit Käse drin...glaube ich.“

„Ah. Hüttenkäse?“

„Ich bin mir da nicht so sicher…der ist weiß und…“ Dieses Gespräch irritiert mich etwas, daher weiß ich nicht genau, was ich antworten soll.

„Hüttenkäse…nennt man das glaube ich…äh, nein: Natürlich weiß ich das, auch wenns vielleicht nicht stimmt…“ Sie sieht mich an. Mit strahlend grünen Augen. Und sie lächelt wieder. Kein großes Lachen, aber eine Andeutung auf ein kleines Lächeln. Ich muss auch lächeln, denn ich weiß was sie meint.

„Nicht glauben, wissen…“, wiederhole ich leise die Worte von Herr Links für mich. Sie nickt. Mir war gar nicht bewusst, dass ich diese Worte ausgesprochen habe. Doch Guillotine jetzt danach zu fragen erscheint mir nicht angemessen, als fange ich wieder mit dem Essen an: „Dazu gibt’s Kartoffeln…“ Dass diese auch noch mit 10 Litern Soße total trocken sind sage ich lieber nicht um ihr nicht den Appetit zu verderben. Sie wird schon selbst wissen, wie solche Kantinen-Kartoffeln schmecken. Oder auch nicht. Es ist jedenfalls nicht schwer sich sowas vorzustellen. Eher wird es nach einer Weile schwerer sich noch normale Kartoffeln vorzustellen. Aber wer weiß. Vielleicht schmecken ihr diese Kantinen-Kartoffeln ja auch.

Wir stellen uns an. Ich erkläre ihr, wie man das Tablett nimmt, wo es Besteck gibt und was man noch so alles wissen muss. Dann suchen wir uns einen Tisch und es ist sogar noch einer frei. Dort angekommen setzten wir uns gegenüber. „Guten Appetit.“, sage ich.

„Danke, dir auch.“

Wir beginnen zu essen. Ich schneide das Fleisch um den Hüttenkäse ab und esse nur das und eine kleine Kartoffel. Während dem schneiden blicke ich kurz auf und stelle zur Überraschung fest, dass Guillotine noch keinen Bissen zu sich genommen hat. Sie sitzt da und starrt meinen Teller an. „Was machst du da?“, fragt sie mich.

„Ich? Äh…ich mag keinen Hüttenkäse und deshalb schneide ich das Fleisch ab und esse nur das…“

„Und das geht?“

„Ja.“

„Oh, na dann…“ Sie beginnt ebenfalls das Fleisch abzuschneiden und es zu essen.

„Machst du das immer so?“, fragt sie mich, nachdem sie den ersten Bissen geschluckt hat.

„Ja, ich hasse Hüttenkäse...oder was auch immer das ist…“ Ich stochere vielsagend in dem weißen Zeug rum.

„Nennen wir es einfach Hüttenkäse…“

„Ja. Bis wir wissen, was es wirklich ist.“

„Nein, wir wissen es doch, oder? Der Lehrer hat mich verwirrt…“

„Mich auch…“, sage ich eher unbewusst, was ein ganz neues Gefühl für mich ist. Normalerweise habe ich immer Angst etwas zu sagen. Etwas, das falsch sein könnte. Aber diesmal ist es nicht so. Ich führe ein lockeres Gespräch mit jemandem den ich mag. Es tut gut sich nicht immer zwingen zu müssen etwas zu sagen und das Gesagte dann mehrmals infrage zu stellen. Ein wirklich tolles Gefühl…

 

 

 

10

 

Wir machen gerade unsere Hausaufgaben, Guillotine und ich. Herr Links hat und am meisten aufgegeben. Und das alles muss bis morgen fertig werden. Ich lasse mich von den Jungs ablenken, die draußen auf dem Schulhof Fußball spielen. Ich sehe Patrick, wie er wieder neue Schüler auf seine Seite ziehen will. Diesmal ist es ein kleiner Junge aus der Unterstufe. Der scheint ziemlich begeistert von Patrick zu sein. Wie er ihn anstrahlt. Er weiß ja noch nicht was ihn erwartet, wenn Patrick wieder seine Launen hat. Dann tut er nämlich nicht mehr so nett und sucht sich jemanden, den er piesacken kann.

Guillotine blickt auf und sieht ebenfalls aus dem Fenster, dann widmet sie sich wieder ihrer Strafarbeit. Herr Links hat sie zwar gehen lassen aber jetzt muss sie einen Aufsatz über Schuluniformen schreiben. Unsere Schule besitzt noch keine, aber es werden wohl bald welche eingeführt, da freie Kleiderwahl für Mobbing sorgt.

‚Das war’s dann auch wohl mit dem schwarzen Nagellack’, denke ich mir und starre gedankenverloren auf meine schwarzen fein säuberlich lackierten Fingernägel. Mittlerweile kann ich das schon ganz gut. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich damit angefangen habe. Mir ist, als würde ich das schon immer machen. Ich weiß, dass die Nägel auch ein Grund dafür sind, dass ich auch gemobbt werde, aber mir sind die Nägel wichtiger als solche falschen Freunde. Alle auf dieser Schule sind so falsch. Bis auf Guillotine.

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf und blicke sie an. Sie schreibt, als würde ihr Leben davon abhängen. Ihre schulterlangen glatten Haare fallen ihr ins Gesicht. Ich merke gerade, dass ich mich schon wieder ablenken lasse und sehe in mein Englischbuch. Die Buchstaben verschwimmen und ich muss mehrmals blinzeln um sie wieder scharf zu sehen. So beginne ich einen Text zu lesen, den ich nicht verstehen kann, da immer wieder alles vor meinen Augen verschwimmt. Ich merke, wie mir langsam der Kopf wehtut und blicke gedankenverloren im Raum herum. Mein Blick bleibt auf der Tür haften, die sich nicht öffnet. ‚Wieso denn auch? Warum sollte sie aufgehen?’ denke ich und mein Blick schweift weiter im Zimmer umher. Über die Bücherregale, Computer und über Guillotine, die immer noch schreibt. Eine Weile blicke ich sie an. Sie blickt auf.

„Kann es sein, dass die langweilig ist?“, fragt sie mich.

„Irgendwie schon…“, antworte ich ehrlich. Sie blickt auf ihre Armbanduhr, dann zu mir.

„Bald ist sowieso Unterricht, also können wir ruhig aufhören.“

 

 

 

11

 

Die Mittagspause ist vorbei, jetzt haben wir Geschichte bei Herr Frauke. Guillotine und ich sind zum Glück die ersten und pflanzen uns in die zweite Reihe. Das Klassenzimmer ist leer, die Tür geschlossen. ‚Stille. Schöne Stille.’, denke ich gerade noch, bevor mit einem Ruck die Tür aufgeht und eine Gruppe von Mädchen reinkommt. Ich weiß zwar ihre Namen, aber ich rede nicht viel mit den anderen, daher sage ich auch nicht hallo, als sie reinkommen - im Gegensatz zu Guillotine. „Hallo“, sagt sie ausdruckslos, aber irgendwie schafft sie es, es nicht ausdruckslos wirken zu lassen mit der Spur eines Lächelns. Die Mädchen, die gerade noch gelacht haben sind nun ganz still und starren sie an. Jetzt weiß ich wieder, warum ich ihnen nicht hallo sage. Ich denke, ich muss Guillotine noch vieles erklären, nämlich dass man denen, die sich höher gelegen fühlen nicht hallo sagt, weil sie einen als unmenschlich und nicht würdig betrachten. Jetzt weiß ich, was das nächste Thema ihrer Lästerstunde wird: Die Tussi hat uns tatsächlich hallo gesagt, was erlaubt die sich eigentlich?

Die Mädchen haben sich längst wieder umgedreht und werfen sich nun vielsagende Blicke zu.

Die Tür geht ein weiteres Mal auf. Diesmal sind es Patrick, Ken und Marcel. Patrick begrüßt zuerst die Mädchen, die ganz hin und weg von ihm sind. Ein Küsschen links, ein Küsschen recht und seiner Freundin einen auf den Mund. „Ey, was glotzt du? Bin ich Kino oda was?!“. Patrick kommt auf mich zu, wie er es immer macht, Tag für Tag. Jetzt wird er wieder Unsinn reden und mir irgendwas androhen.

„Willste Stress?“

„Nein.“

„Dann glotz mich nicht an!“

„J…“

Ich wollte gerade ja sagen, da mischt sich Guillotine ein.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als andere fertig zu machen? Du kommst dir wohl toll vor…“

Dabei sieht sie in sein Gesicht, in seine Augen, was ihm wohl unangenehm ist, denn er weicht einige Schritte zurück und sein Gesichtsausdruck hat sich verändert. Er ist nicht mehr so selbstsicher wie vorhin. Etwa eine schwäche von ihm? Die Mädchen sehen Patrick besorgt an. Er scheint das zu merken und geht so cool und lässig wie er nur kann zu ihnen hin.

„Scheiß Satanisten.“, hört man nur noch von ihm, dann kommt auch schon der Rest der Klasse. Aber natürlich hört das niemand und es kann ihnen doch auch egal sein. Zu einigen habe ich ein neutrales Verhältnis, d.h. sie sind zwar keine Freunde, aber Leute, mit denen man auch mal in der Gruppe arbeiten kann, wenn es denn sein muss. Aber eine Person, die ich als guten Freund bezeichnen würde, hatte ich noch nie. Immer stand ich alleine in den Pausen und habe so für mich selbst gelebt und mich abgekapselt. Immer habe ich vorgetäuscht, dass mir das egal wäre, doch das war es nie. Es tat weh alleine zu sein und zu sehen wie andere Spaß haben und eine richtige Gruppe bilden. Doch am meisten tat es mir weh, dass Patrick immer seine Sprüche losließ und ich nichts entgegenbringen konnte. Wie ihr merkt, denke, schreibe, rede ich in der Vergangenheit. Denn ich habe in Guillotine eine Freundin gefunden. Jemand, der mir hilft und dem ich helfen kann. Bei diesem Gedanken lächle ich sie an. Und sie lächelt zurück.