Journey...Alles-und-Nichts

12.09.08, Freitag

, 19:28pm

Alte Bekannte


An diesem Abend kam ich später ins Nest als sonst. Denn ich war noch mit meiner Mum und zwei Freundinnen von ihr unterwegs. Die eine, Celine, sah ich zum ersten Mal, da sie nicht hier wohnt. Die andere, Charlotte, ist eine gute Freundin von meiner Mum mit der sie sich öfters zum Joggen trifft.

Wir gingen zuerst ins Theater und anschließend noch in einige Kneipen.


Nach dem Theater machten wir vier uns zuerst auf den Weg ins O. Während wir die vielen Straßen kreuzten unterhielt ich mich mit Celine. Ich erzählte ihr vom Nest und dass ich eher was mit Erwachsenen als mit Jugendlichen zu tun haben will. Daraufhin hörte ich wieder einmal den Satz, den ich verabscheue: „Du solltest mehr unter junge Leute gehen...“ Ich erklärte ihr, warum ich gerade dies vermeide und sie sagte nichts mehr. Alle sagen dann nichts mehr, weil sie das, was ich mache nicht so recht nachvollziehen können. Ich stelle also mal wieder alles auf den Kopf. Aber das ist mir egal. Ich bin glücklich, so wie es ist.

Im O. kannten wir niemanden. Celine unterhielt sich allerdings mit allen, so wie es wohl ihre Art ist. Sie kann mit jedem noch so Fremden ein Gespräch anfangen. Über irgendetwas. Ich kenne sie eigentlich nicht. Denn als ich sie zum letzten Mal gesehen habe, war ich noch klein. Ich erlebe ihren Charakter also zum ersten Mal live. Es war unfassbar. Nicht einmal fünf Minuten vergingen und sie unterhielt sich mit einem fremden Mann.

Ich war als erste mit meinem Glas fertig als meine Mum den Wal-y entdeckte. Ich fragte sie, da er zu meiner Clique, meinem Freundeskreis gehört, ob ich zu ihm gehen dürfe und sie mich abholen kommen könne, wenn sie weiterziehen wolle. Ich hatte erwartet, dass ihr das egal wäre. Doch sie versuchte mich sogar davon abzuhalten. Aber ich ging einfach. Im Nachhinein tut es mir etwas Leid, aber an unserem 4er-Tisch saß ich bis jetzt nur zur Deko da und ich wollte mit irgendjemandem von meinen Leuten reden.

Wal-y war auch glücklich mich zu sehen und wir umarmten uns zur Begrüßung mit Küsschen-Links- Küsschen-Rechts, wie man das so macht. Er erzählte mir, dass im Nest nichts los sei und noch keiner von uns da wäre. Es war schön zu hören, dass ich auch gemeint war. Selbstverständlich fühle ich mich als Teil eines Ganzen, doch wenn einer diese Worte ausspricht und sie ehrlich meint, ist das ein tolles Gefühl. Ein Gefühl der Dazugehörigkeit. Und als Wal-y seinen Lieblingsspruch „So ischs gworde“ sagte, fühlte ich mich schon fast zu Hause. Den Spruch sagt er immer irgendwann. Es vergeht nicht ein Abend, an dem er diesen Satz nicht sagt. Einmal fragte ich ihn, was das eigentlich bedeute und er sagte mir, man müsse einfach mal eine Floskel in den Raum werfen und sehen wie die Leute reagieren. Mittlerweile reagiert da aber niemand mehr und er sagt den Satz immer noch.

Meine Mum und die beiden anderen Mädels holten mich dann doch ab und meine Mum war nun auf einmal wieder nett zu allen. Ich verabschiedete mich von Wal-y mit den Worten: „Bis nachher. Wir sehen uns bestimmt noch!“

Der nächste Punkt war das Irish, Charlottes Lieblingskneipe. Ich gehe auch gerne dorthin, weil es dort Guinness gibt. Der Pub war voll von allen möglichen Leuten. Meine Mum bestellte uns sofort etwas bei einem Bekannten, dem Lukas. Er ist Tscheche, genau wie sie und die beiden unterhielten sich eine Weile auf Tschechisch. Ich verstand zwar, was sie sagten, hörte aber nur mit einem Ohr zu und widmete mich meinem Guinness. Einige Typen fielen mir sofort auf. Aber ich bin ehrlich gesagt schon so an die älteren gewöhnt, dass mir sogar die, die zehn Jahre älter sind als ich zu jung erscheinen. Also ermahnte ich mich nicht andauernd jemanden toll zu finden. Und innerlich freute ich mich sowieso auf meine Stammkneipe und meinen „Verlobten“.

Wir vier Frauen suchten uns ein Plätzchen an einem Fass und Celine kam prompt mit den Typen, über die ich gerade noch nachgedacht habe, in Gespräch. Ich fand es witzig, dass sie so war und sprach sie auch darauf an: „Also du kommst wirklich mit jedem ins Gespräch.“ Sie sagte daraufhin, sie könne nichts dafür, das sei schon immer so gewesen und sie habe das von ihrem Vater geerbt. Außerdem erzählte sie mir, dass sie rein gar nichts von den Männern wolle, denn sie habe bereits einen Freund. Sie meinte auch, dass man mit den Männern besser reden könne, wenn man nicht zwanghaft einen sucht. Wenn sie zum Beispiel mit ihrer Freundin rausgeht, die einen Mann sucht, reden die Männer eher weniger mit ihr. Und sie soll anscheinend wirklich hübsch sein. Sie meinte, dass dieser ganze Wahn gut auszusehen die Männer nur abschrecken würde, da sie dadurch nur Minderwertigkeitskomplexe bekommen würden. Ich gab ihr Recht und sagte ihr, dass ich es toll finde, wenn man so locker mit den Mitmenschen, die auch noch völlig fremd sind, reden kann. Ich könnte das, so sehr ich es auch wollte, nicht. Ich dachte an Jo, der das auch so immer macht...aber das wohl nur um Streit zu suchen.


Als ich mein Guinness ausgetrunken hatte, sagte ich allen „Tschüss“ und machte mich auf den Weg in meine Stammkneipe, meine Welt, mein Zuhause.

Über die mittlerweile betrunkenen Jugendlichen, die durch die Gegend torkelten, und die jungen „Männer“ mit Stielaugen machte ich mir längst keine Sorgen mehr. Denn ich zähle mich nicht mehr zu den jungen Menschen. Ich bin irgendwo in der Mitte zwischen jung und alt. Und das gibt mir die Gelegenheit Menschen gut einzuschätzen. Ich habe viele Freunde, die ganz unterschiedlich alt sind, führe also mehrere Leben gleichzeitig und lebe in verschiedenen Welten, die sich mal verbinden lassen und mal nicht. Das macht mir allerdings auch nichts aus, denn auch wenn sich einiger meiner Freunde untereinander nichts zu sagen hätten, verstehen sie doch die andere Seite an mir. Ich habe lange gekämpft, um es so hinzubekommen, denn am Anfang habe ich mich in der Kneipe nur als Idiotin gesehen, die zur Deko daneben sitzt und zuhört. Jetzt bin ich in der Lage mich woanders hinzusetzten, wenn mich ein Gespräch nicht interessiert. Jetzt kennt mich jeder und ich denke jeder redet gerne mit mir. Ich denke, es gibt so viele Vorurteile gegen junge Menschen, ich ertappe mich ja selbst dabei, wie ich ab und zu schlecht über Jugendliche und junge Erwachsene denke. Aber ich bin der Meinung, jeder könnte die Chance haben zu beweisen, dass er etwas kann und anders ist. Man muss dies nur nutzen. Aber wenn man sich mit den falschen Menschen abgibt, die falschen Sachen lernt und denkt, dass das alles „hammer“ ist, ist man natürlich nicht in der Lage ein sinnvolles Gespräch zu führen und sich zu beweisen. Meine frühere Klassenlehrerin meinte einmal: „Die Jugend hat nichts zu sagen!“ Ich kann ihr da nur Recht geben. Natürlich regte sich nach dieser Äußerung meine Klasse fürchterlich  auf, weil sie meinen, sie wüssten alles und hätten viel zu sagen. Aber so läuft das nicht im Leben. Sie können nicht glauben, dass sie höher gelegen sind als die, die sich anstrengen und etwas leisten. Doch das Schlimmste ist, dass sie damit auch noch bei denen durchkommen, die so sind wie sie. Und die sind in der Überzahl.

Doch wie Hermann Hesse bereits schrieb: „Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber man musste sie ihrer Wege gehen lassen.“

Vielleicht besteht also noch eine Hoffnung auf Besserung, aber der Mensch muss selbst erkennen, dass er sich ändern muss. Dass er nicht immer damit durchkommen wird. Doch wenn die Bereitschaft zur Veränderung nicht da ist, hilft auch keine Predigt. Und wenn man sowieso nur seinen eigenen Standpunkt sieht, kann man auch nichts lernen, was einen vielleicht weiterbringt.


Aber nun zu meinem Kneipenerlebnis: Ich trat voller Enthusiasmus in die Kneipe und wusste zuerst gar nicht, wen ich zuerst begrüßen sollte. Ich kannte wieder einmal so gut wie jeden und alle waren meine Freunde. Ich sah zuerst Frank, dann Jo und weiter hinten an der Theke standen A., Wal-y, mein Dad und ser Pseudo-Engländer. Ich wollte geradewegs auf Frank zugehen, da hielt mich jemand am Arm fest. Ich blieb stehen und fragte mich, wer das sein könnte. Es war Charlie, den ich selten in der Kneipe sehe. Also meinte ich: „Hey, sieht man dich auch mal wieder?!“ Und er war, wie mir auffiel bereits länger da und schon betrunken. Ich verschwand nach dem kurzen Smalltalk zu Frank und den anderen. Zuerst begrüßte mich allerdings A., der wie immer ganz schockiert tat mich zu sehen. Er ist wohl auch der Meinung, ich habe in der Kneipe nichts zu suchen und ich sollte irgendwo in der Disko bei jungen Typen tanzen.

Dann begrüßte ich Frank, der überglücklich war mich zu sehen und wir sprangen uns in die Arme. Danach umarmte ich Jo, der allerdings schon am Ende war und das wahrscheinlich gar nicht mehr mitbekam. Es war komisch ihn so still zu sehen, bis er herumschrie, dass der Wirt doch endlich den Automaten zum Zocken anmachen solle. Ich suchte den Blick des Wirten und machte eine Kopf-ab-Bewegung in seine Richtung. Dann schüttelte ich heftig den Kopf und sagte nur „Nein!“ Denn ich wollte unter keinen Umständen, dass Jo jetzt an den Automaten geht. Denn erstens verspielt er dort die Kohle, die er nicht hat und ich könnte dann nicht mehr mit ihm reden. Der Wirt sagte also “Der Automat bleibt aus!“ und lächelte mich augenzwinkernd an. Nun war ich beruhigt. Doch Jo verschwand auch schon in Richtung Clique. Ich saß also alleine da, denn Frank war bei der anderen Gruppe von Menschen bestehend aus Charlie, Kai, einer jungen Frau und einem Typen, den ich nicht kannte. Ich ging also zu Frank und seiner Gruppe. Charlie dachte sofort, ich würde wegen ihm kommen und zog mich andauernd an sich ran und wollte mit mir über alles Mögliche reden. Ich suchte das Gespräch mit jedem, nur nicht wirklich mit ihm. Ich weiß, dass das unhöflich war, aber ich fühlte mich etwas bedrängt. Sara, die „kleine“ Bedienung, machte sich auch Sorgen und redete mit mir etwas Abseits von allen darüber. Denn er habe sie auch belästigt. Ich sagte, ich habe alles im Griff und dankte dafür, dass sie sich Sorgen mache. Sara wurde, als wir mit unserem Gespräch fertig waren, von ihm wieder an sich gezogen und machte für ihre Größe einen sehr bedrohlichen Gesichtsausdruck. Ich half ihr etwas indem ich zu Charlie sagte: „Jetzt lass doch mal die Sara in Ruhe!“ Daraufhin ließ er los und wir unterhielten uns darüber, dass er nicht so viel trinken und mehr nachdenken solle. Er gab mir glaube ich Recht und sprach nicht mehr mit mir darüber.

Dann ging er weg um sich mit jemandem anderen zu unterhalten. Ich wollte mich auf seinen Barhocker setzten, doch davor lag noch eine Jacke auf dem Boden. Ich hob sie auf und Frank sagte mir, es sei seine. Er war dankbar, als ich sie an einen Haken hängte. Ich bin für ihn so etwas wie eine kleine Schwester. Seine beste Freundin, also meine Friseurin, ist seine große Schwester. Diesmal jedoch war sie gar nicht da. Ich erfuhr von ihm, dass sie wieder mit mit ihrem Ex zusammen sei. Und dann erzählte er mir von seinem Problem mit Jo. Jo setzte anscheinend wieder fiese Gerüchte über ihn und sie in die Welt. Dass die beiden ein Verhältnis hätten zum Beispiel. Außerdem würde er immer mit blöden Sprüchen ankommen, die Frank als Mobbing empfand. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn ich mag Jo und nehme es mir nicht immer zu Herzen, wenn er etwas sagt. Vielleicht liegt das daran, dass er mir zuviel bedeutet. Für mich ist Jo gleich Jo. Mit all seinen schlechten Eigenschaften.

Aber Frank hatte prinzipiell gesehen Recht. Nur weil Jo’s Ruf so war und er wahrscheinlich nicht anders konnte als sich immer ein Opfer zum Streiten zu suchen, gab ihm das nicht das Recht, das auch zu tun. Nur Jo sind alle egal. Und ich denke eigentlich ist er sich selbst auch egal. Von Frank hörte ich immer den Satz: „Wenigstens habe ich Freunde...“ Das stimmte nicht ganz. Jo hat Freunde. Und selbst wenn er keine hätte wäre immer noch ich da, die ihm hinterher rennt.

Frank erzählte mir, dass er Jo verprügeln würde, wenn er nicht damit aufhöre. Das versetzte mir einen Stich, so dass es richtig wehtat. Denn nun stand ich dazwischen. Ich gab Frank zwar einerseits Recht, denn man darf Jo nicht einfach so Leute beleidigen und ihn damit durchkommen lassen. Aber andererseits ist Jo immer noch ein Mensch. Und er ist nicht immer so. Er hat auch seine Schwache Seite…irgendwo. Und ich denke, dass er irgendwann einmal zu weit gehen wird und jemandem, den er eigentlich mag, so wehtun wird, dass es ihm selber auch wehtut.(Kleine Anmerkung: Vielleicht ist das ja schon passiert...)

Ich sagte Frank, dass ich Jo sehr schätze und dass ich mir wünschen würde, dass er ihn nicht verprügelt. Ich nahm sogar seine Hand in meine und mir kamen fast die Tränen bei der Vorstellung. Er meinte nur, er könne für nichts garantieren, wenn bei ihm die Sicherung durchbrennt. Er würde dann jeden verprügeln, der sich ihm in den Weg stellt. Sogar seine Freunde. „Aber darauf bin ich nicht stolz.“, fügte er noch hinzu, was ich ihm auch glaubte. Aber irgendwie beruhigte mich das trotzdem nicht, also kam ich mit dem Argument: „Aber Jo wird nichts daraus lernen.“ „Doch, wenn ich ihn verhaue, wird er mich nie wieder dumm anmachen.“ erwiderte er mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Ich senkte den Kopf, denn ich wusste, dass es wahrscheinlich nicht so war. Jedenfalls würde er sich oberflächlich gesehen nichts anmerken lassen. Wie es jedoch IN Jo aussieht, das weiß niemand. ‚Nein…’ dachte ich mir ‚Jo müsse man doch irgendwie anders knacken können?’ Da mir in diesem Moment allerdings nichts anderes einfiel, als das, was Jo immer macht, tat ich Folgendes: Ich wettete. Ich wettete mit Frank um ein Essen, dass Jo nichts daraus lernen würde. Doch Frank beharrte auf dem Gegenteil. Er lachte dann allerdings und sagte: „Wenigstens gehen wir zusammen essen.“ Ich lächelte etwas und sagte leise: „Hoffentlich kommt es nicht soweit...“ Ich schlug ihm noch vor, da er wirklich nicht gerne Leute verprügelt, dass er mich anrufen soll, wenn Jo ihn nervt. Ich würde versuchen zu schlichten, da beide meine Freunde seien und ich nicht wolle, dass sich Frank vergisst und Jo in irgendeiner Weise etwas zustößt. Er dankte für das Angebot.


Jo und mein Dad waren gerade am Gehen. Und ich konnte nicht anders, als mich von Jo mit einer Umarmung zu verabschieden. Es war ein Ungutes Gefühl in mir und ich machte mir um ihn mehr denn je Sorgen. Und so tat mir der Abschied sehr weh.


Frank unterhielt sich mittlerweile mit Kai und ich saß alleine da und sah den einen Unbekannten, der bei uns am Tisch sah, an. Er saß mir auch noch gegenüber. Er redete auch mit niemandem und sah mich nur komisch an. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich fand, er sah aus wie jemand, der Ralf heißt. Er meinte nach langem anstarren, dass ich wohl nicht sehr gesprächig sei. Ich sagte: „Doch, wenn man mit mir redet.“ Ich fragte ihn also zum Beweis, dass ich auch ein Gespräch führen kann, wie er denn heiße. Und seine Antwort hat mich fast vom Hocker gehauen: „Ralf.“ Ich sagte „Und ich bin die Julia...“ und reichte ihm meine Hand. Dann ging mir der Stoff aus. Er sah mich immer noch so komisch an. Er war wahrscheinlich auch einer dieser Personen, die sich fragten, was ich denn in DER Kneipe zu suchen habe und warum ich nicht irgendwo mit Gleichaltrigen abchille.

Ich sah gelangweilt und gedankenverloren auf meine sauber rot lackierten Nägel, die ich meiner besten Freundin zu verdanken hatte. Das war ein Fehler. Denn Ralf regte sich auf einmal fürchterlich über meinen roten Nagellack auf. „Warum denn Rot?!?“

„Rot gefällt mir.“, sagte ich.

„Hmmm...mach sie doch schwarz!“

„Schwarz hatte ich schon.“

„Dann grün!

„Grün hatte ich auch schon...“

Dann machte er eine abwertende Bewegung, dessen gedanklicher Hintergrund wohl der Satz „Ich geb's auf!“ war. Ralf war übrigens Franks bester Freund und ich beschloss nichts weiter zu sagen.

Ralf war sogar so nett, mir eine Zigarette anzubieten. Er nahm Frank die Schachtel weg und gab mir eine. Ich hatte dabei ein schlechtes Gewissen, denn ich hätte mir im Prinzip auch selbst eine anstecken können, da ich welche dabei hatte.

Was mir sofort auffiel: Er hatte wieder eine schwarze Zigarettenschachtel. Ich fragte ihn diesmal, ob ich die haben könne. Und Frank gab sie mir tatsächlich: Die auf 10.000 Stück limitierte schwarze Lucky Strike Schachtel! Über was man sich nicht alles freut…doch wie es im Inneren ist, verdrängt man, weil man denkt, dass das sowieso keiner verstehen würde.


Kai bemerkte oft meinen Blick, den ich Franks bestem Freund zuwarf und fragte mich, da Ralf lange Haare hatte: „Soll ich dir den einpacken, den Langhaarigen?“ Ich antwortete „Nein.“ Er gab nicht auf: „Und den Kurzhaarigen?“ Er zeigte auf Frank. Und ich gab auf die doofe Frage einfach eine doofe Antwort: „Nein, danke. Ich packe mir meine Männer selber ein.“ Und prostete ihm zu. Die Antwort fand er natürlich toll.

Was ich als nächstes von ihm hörte war der Satz zur Bedienung: „Eine Runde Jackie's!!!“ Ich trinke nie Whisky. Der Wirt weiß, dass ich in Sachen Whisky das komplette Gegenteil von meinem Dad bin. Ich mag nämlich im Gegensatz zu U.  überhaupt keinen Whisky. Und daher bekam ich auch keinen. Frank hat man leider nicht gefragt. Er trank zwei bis drei Schlucke und blickte dann mitleidig in sein Glas. Ralf erbarmte sich daraufhin und schüttete etwas in sein Glas. Trotzdem blieben noch drei Schlucke im Glas übrig und er sah wieder mitleidig hinein. Und diesmal erbarmte ich mich und sagte: „Ach komm, gib's mir.“ Seine Augen begannen zu leuchten, so dankbar war er. Ich trank seinen Rest aus, was mir zwar nicht schmeckte, mich aber nicht umbrachte. Ich dachte einfach an Jo, der alles trinkt und haute das Zeug auf Ex runter. Später gab uns Kai netterweise etwas aus, was wir alle auch wirklich tranken: Wodka Lemon.

Frank und ich plauderten weiter, unter anderem auch über seine Katzen, die er von seiner letzten Beziehung hat, aber trotzdem über alles liebt. Mit seiner Ex-Freundin kommt er in dem Zusammenhang auch gut klar. Sie weiß sogar, wo Franks Wohnungsschlüssel liegen und er hat noch so viel Vertrauen zu ihr, dass er sie in die Wohnung lässt. Er sagt, es würde ihm nichts ausmachen, wenn sie herumschnüffeln würde. Briefe, die sie lesen könnte, würde er sowieso nicht bekommen. Daraufhin sagte ich: „Ich bekomme auch keine. Und ich habe sogar zu Hause meinen eigenen Briefkasten... Aber selbst wenn, dann schmeißt kein Postbote meine Post bei mir rein, sondern immer bei meinen Eltern...“ Wir beschlossen anschließend uns irgendwann einmal Briefe zu schreiben. Frank meinte anschließend zu seinem Freund Ralf: „Jetzt hat sie schon Rosen von mir bekommen, wir gehen zusammen Essen UND sie bekommt Briefe von mir.“


Irgendwann waren Frank und Ralf auch weg und ich saß ich alleine mit Kai und einer Freundin von ihm da. Er begann ihre Schultern zu massieren, was sie toll fand. Ich sehe mich in Sachen Massage nicht als Expertin, weiß aber, dass sich die Leute gerne von mir die Schultern massieren lassen. Das war schon immer so. Ich weiß nur nicht, woher ich das kann. Also fragte ich Kai mit zuckersüßer Stimme, aber ohne Hintergedanken: „Soll ich dich mal massieren?“ Ich wollte nur die Bestätigung, dass ich das noch kann. Und er sagte natürlich nicht nein, sondern war ganz begeistert, dass ihn mal eine Frau massiert. Und er meinte, ich könne das so gut, dass ich das zum Beruf machen sollte. Ich sagte nichts dazu, denn man hat mir in der Kneipe schon viele kuriose Berufe vorgeschlagen. Der Wirt meint immer, ich sollte Model werden. Ich sage dann immer, ich will etwas mit schreiben machen oder bei dem man viel nachdenken muss. Ich denke nämlich gerne nach und hinterfrage dabei so Einiges. Am liebsten höre ich in diesem Zusammenhang die Frage von Ernest, der auch oft das Nest besucht und dessen Tochter ich gut kenne: „Was macht die Kunst?“


Doch Kai und seine Freundin gingen irgendwann auch und ich dann saß alleine da. Der Zuhälter war auch alleine und kam daher mit einem Glas, das nicht ihm gehörte, zu mir. Ich wusste das deshalb so genau, weil er vorhin in die Kneipe kam und niemand seine Bestellung hörte. Das war vielleicht auch besser so. Er fragte also, was er denn zahlen müsse und Sara sah sich nach einem übrig gebliebenen Deckel um, der jedoch nicht zu finden war. Ich sagte daraufhin, dass er gar nichts getrunken habe und er verabschiedete sich daraufhin von mir und ging aus der Kneipe.