Donnerstag, 29. oktober 2009 4 29 /10 /2009 14:39

Angenommen, Weiß ist eine Frau...

Helle Haut, hellblonde lange Haare und große  Augen, die allerdings dunkel geschminkt sind. Augen, die die Seele widerspiegeln. Weiß kann sie nicht übermalen. Doch sie macht sich keine Gedanken. Bewusst unbewusst keine Gedanken…

Weiß hat immer ein Lächeln auf den Lippen. Immer beherrscht gut gelaunt zu sein. Immer versucht, sie selbst zu sein. Immer perfekt. Immer weiß… Sie läuft und ist sich jeden Schrittes bewusst. Sie plant alles. Doch die Absätze ihrer weißen hohen Stiefel beginnen sich langsam abzunutzen. und sie merkt wieder einmal, dass sie gar nicht so groß ist, wie es scheint. Und auch der weiße, fellbesetzte Mantel beginnt sich aufzulösen. Die dunkeln Augen werden leer, schweifen ab ins Weite, in eine andere Dimension, füllen sich mit Tränen. Ist wirklich alles so perfekt? Ist Weiß wirklich so glücklich? Ist ihre Seele so weiß und rein wie sie zu sein scheint? Sie sollte es doch besser wissen. Weiß ist Schauspielerin. Sie weiß alles. Sie kann jede Rolle spielen. Doch eigentlich, so weiß sie, ist alles ganz anders, als es scheint. Eigentlich ist sie ratlos und verzweifelt. Eigentlich weiß sie nicht, wer sie ist. Und all das planbewusste Handeln, das rationale Denken bringt ihr auf einmal nichts mehr. Scheint nicht mehr zu existieren. Füllt die Leere mit mehr Leere. Und am Ende zerstört das Ungleichgewicht in ihr alles an den scheinbar perfekt zurechtgelegten Prinzipien. Alles bröckelt ab. Die weiße Farbe macht dem Nichts Platz, wird schmutzig, fühlt sich dreckig an. Jede Emotion klammert sich verzweifelt an die fast schon weißen Haare. Zerrt an ihrem Bewusstsein. Macht ihr ein schlechtes Gewissen. Lässt all das fein säuberlich übermalte schwarz werden.

Und die Farben beginnen sich neu zu mischen. Ab jetzt ist sie Schwarz. Verhasst ist ihr das Weiße. Die Vergangenheit. Die weißen Haare, die helle Haut und alle dunklen Kleider führen ab jetzt einen Kampf. Sie will eigentlich wieder die Perfekte spielen. Sie will wieder Weiß sein. Sich einreden, dass alles doch noch gut wird und es auch zu Anfang glauben. Bis das schwarz ihrer Augen wieder die Macht an sich nimmt und sie sich ohne es zu wollen ganz ihren Emotionen hingibt. Nur alleine, weil immer noch etwas an ihr weiß und beherrscht ist. Weil sie es nicht schafft, sich vor anderen ganz aufzugeben. Sich hinzugeben. Sich fallen zu lassen. Zu vertrauen. Zu leben. Weil ihr Perfektionismus das nicht zulässt. Ihr Herz? Bunt. Vielseitig. Tausendmal übermalt und trotzdem farbenfroh. Bis sich die Farben wieder vermischen und das Spiel von vorne beginnt…und egal, was sie macht. Das Leben von Weiß/Schwarz wird immer farblos sein. Unterliegt immer ihrem Verstand und ganz alleine im stillen ihren Emotionen. Leid der Seele.

Schwarz nach außen, weiß nach innen. Weiß nach außen, schwarz nach innen. Und der Boden bricht unter ihr zusammen. Schwarz und Weiß…

 

Ich denke mal, dass dieser Text unter anderem viele Emos ansprechen würde…aber auch viele andere Leidende, die versuchen ihre Fassade aufrecht zu erhalten. Mit Männern/Frauen und Sex. Mit Geld. Mit Essen (oder keinem Essen). Mit Alkohol und Zigaretten. Mit Make-Up, Glanz und Glamour. Mit chamäleonartigem Leben, das sich nicht nach den Bedürfnissen des Selbst, sondern nach anderen Werten richtet. Nach Anpassung. Nach konformistischem Denken.

Seelenlose. Zombies. Leute, die sich erst einmal zehn Fremdmeinungen einholen bevor sie sich ihre „eigene“ Meinung bilden. Leute ohne Mut zum Leben. Leute, die immer versuchen die Leere in sich mit irgendwas so gut wie möglich zu füllen. Nur, was ist Leben…? Und lässt sich die Leere in einem überhaupt füllen? Ist das die Suche nach dem Sinn? Nach dem Paradies? In dem alles wirklich perfekt ist und es nicht nur so erscheint.


Doch viele Menschen wollen die Dinge nicht sehen, wie sie wirklich sind. Oder sie können es einfach nicht [mehr]. In die Seele blicken. In die Augen sehen. Verstehen.

Wir alle leben in einer Welt aus Schein und Sein…

von Journey - veröffentlicht in: Alles-und-Nichts - Community: Writers Club
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