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Was steckt hinter der Aufmerksamkeits-Defizit(-Hyperaktivitäts)-Störung

25. November 2012, 00:28am

Veröffentlicht von Journey

Die Geschichte des Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivität)syndroms reicht über 150 Jahre zurück und ist somit keineswegs eine „neumodische Erkrankung“, wie viele fälschlicherweise annehmen. AD(H)S gab es schon immer, jedoch war die Diagnose damals nicht so leicht feststellbar wie heute.

 

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von dem Nervenarzt Dr. Hoffmann das  berühmte Kinderbuch Struwwelpeter veröffentlicht, welches die AD(H)S-Thematik in Geschichten wie „Hans guck in die Luft“ und „Zappelphilipp“ aufgreift. Im Jahre 1932 hat sich der Ausdruck „Hyperkinetische Erkrankung des Kindesalters“ – kurz: HKS – durchgesetzt. Der gängige Begriff heutzutage ist die Aufmersamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).

Diese tritt hauptsächlich in zwei unterschiedlichen Formen auf, sowie etlichen individuellen Mischformen. Zum einen gibt es den hyperaktiven „Zappelphilipp“ (ADHS), von dem eher Jungs betroffen sind, zum anderen gibt es die „Verträumten“ (ADS), wozu eher die Mädchen gehören. Diese Form ist viel schwieriger zu erkennen, da das offensichtlich auffallende Symptom Hyperaktivität fehlt und die Betroffenen somit zunächst unauffällig wirken.

 

 

Die Anzeichen für ein AD(H)S müssen seit dem Kindesalter vorhanden sein.Fachleute sind der Meinung, dass man die Symptome etwa ab dem dritten Lebensjahr erkennen kann.

Die Anzeichen bei Klein- und Grundschulkindern finden sich vor allem in Anpassungsstörungen und Konzentrationsproblemen wieder. Sie werden leichter wütend als andere und lassen sich nur schwer wieder beruhigen. Durch die hohe Ablenkbarkeit wird auch seltener eine Aufgabe oder ein Spiel zu Ende gebracht. Meist finden sie schon im Kindergarten keinen Anschluss, da sie bei den anderen eher anecken. Da AD(H)S-Kinder auch schwieriger die Selbststeuerung erlernen als andere Kinder, brauchen sie ein deutlich strukturiertes Umfeld mit einem festen Zeitplan und klaren Grenzen und Regeln, aber auch Verständnis, da aus einer Erziehung, die im Falle von AD(H)S-Kindern oft früh von Vorwürfen und Bestrafungen geprägt ist, ein niedriger Selbstwert entstehen kann. Zusätzlich wird die Krankheit aber auch durch diese sozialen Faktoren wie den Erziehungsstil, die Art der Eltern-Kind-Beziehung und familiäre Belastungen abgeschwächt oder verstärkt

 

 

Bei einer Diagnose im Kindesalter muss man besonders genau abwägen, ob diese Symptomatik nicht durch andere Umstände wie Trennungen oder körperliche Einschränkungen hervorgerufen worden sein kann. Denn nicht jedes lebhafte, unkonzentrierte und laute Kind hat ADHS. Für Laien ist da der Unterschied oft schwer einzuschätzen.

Manche Symptome lassen sich jedoch im Nachhinein sogar bis ins Säuglingsalter zurückverfolgen.

 

Jugendliche mit AD(H)S fallen vor allem durch Schulprobleme auf, da sie ihre Hausaufgaben unvollständig oder gar nicht erledigen und Probleme mit einer ordentlichen Heftführung haben. Viele weisen auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche auf. Das alles kann zu Abwehr-/Vermeidungsstrategien führen, sowie zu einer Null-Bock-Einstellung und der Missachtung von Regeln, riskantem Verhalten, sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch.

 

Bei Kindern und Jugendlichen ist AD(H)S die häufigste Ursache für eine ambulante/stationäre Behandlung. Laut Studien sind 5-8 % Kinder von dieser Krankheit betroffen. Lange Zeit nahm man an, dass ausschließlich junge Menschen von AD(H)S betroffen sein können, doch es können ebenso Erwachsene ihre Probleme damit haben, da dies eine angeborene neurobiologische Erkrankung ist. Zwar verändert sich die Symptomatik mit zunehmendem Alter (die Hyperaktivität geht zum Beispiel in eine innere Unruhe über), doch die Konzentrationsprobleme hingegen ziehen sich durch das ganze Leben. Wer AD(H)S hat, hat es also schon immer gehabt und wird es auch nie ganz los. Er kann nur lernen damit umzugehen.

 

Doch was ist eigentlich die genaue Ursache? Es gibt nämlich kein „AD(H)S-Gen“. Die Krankheit wird durch ein Zusammenspiel verschiedener Gene verursacht, die wiederum eine Veränderung in den Hirnregionen verursachen, die bei der Verhaltenssteuerung und bei Aufmerksamkeitsprozessen eine Rolle spielen. So kommt es, dass ADHS ebenfalls erblich ist. Es kann aber auch durch besondere Umwelteinflüsse während der Schwangerschaft entstehen (z.B. Frühgeburt, andere Geburtskomplikationen, Einnahme von Drogen/Nikotin während der Schwangerschaft, etc.)

AD(H)S im Gehirn durch ein Ungleichgewicht an Dopamin, das für die Motorik und Kognition verantwortlich ist. Durch das Medikament RITALIN kann es wieder ausgeglichen werden.

 

 

Die drei allgemeinen Kernsymptome der Krankheit sind Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Diese typischen Anzeichen für AD(H)S können bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausgeprägt sein und sich mit fortschreitendem Alter verändern.

 

Einfach erklärt hat das AD(H)S etwas mit den Reizen aus der Umwelt zu tun. Man kann sich im Gehirn eine Art Filter vorstellen, der normalerweise Unwichtiges ausblendet wie z.B. Vogelgezwitscher draußen oder andere Dinge, die ablenken könnten. Bei AD(H)S-Kranken jedoch ist dieser Filter durchlässiger und somit gelangen mehr Reize aus der Umwelt ins Bewusstsein, die zu einem Defizit in der Aufmerksamkeit führen. Somit lassen sich die Betroffenen viel leichter von äußeren, aber auch von inneren Reizen (wie z.B. Gedanken) ablenken, und haben Schwierigkeiten, sich einer bestimmten Aufgabe oder einem Gespräch zuzuwenden. Diese Konzentrationsschwierigkeiten führen ebenfalls dazu, dass man durch Leistungseinbußen wie Lernschwierigkeiten und Flüchtigkeitsfehlern oft nur einen Schul- oder Ausbildungsabschluss unter den eigentlichen Möglichkeiten erreicht, falls man denn eine Ausbildung zu Ende bringt.

 

Das Chaos beherrscht den Alltag. Termine werden vergessen, Gegenstände verlegt, vorausschauendes Planen wird unmöglich. Es werden häufig mehrere Tätigkeiten begonnen, bei denen man den Überblick verliert und letztendlich nichts zu ende bringt

Das Autofahren kann Menschen mit ADHS ebenfalls sehr schwer fallen. Sie neigen eher zu riskantem Fahrverhalten, Unfällen und zu Verwarnungen, sowie zu einer Abneigung gegen das Fahren besonders unbekannter Strecken, da das Fahren und die Orientierungslosigkeit in der fremden Umgebung sehr überfordern.

Menschen mit AD(H)S leiden auch oft unter unerklärlichen inneren Blockaden und einem ständigen seelischen Druck; einer Art Überlastungsgefühl, da ihnen alles auch ohne zusätzliche Anforderungen zu viel erscheint. Durch die wiederholten Fehlschläge und den Erfahrungen des Scheiterns trotz empfundener großer Bemühungen, fühlen sich diese Menschen auch oft weniger wert als andere. Häufig kommt es zu einem Vermeidungsverhalten, bei dem bestimmte Aufgaben, die als unangenehm oder nicht zu bewältigen erscheinen, gar nicht mehr in Angriff genommen werden.

 

Menschen mit ADHS werden leider oft als unzuverlässig und desinteressiert erlebt. Sie haben aber auch Vorteile gegenüber anderen. Sie sind häufig kreativ, phantasievoll und oft auch sensibler und feinfühliger im Bezug auf die Gefühle anderer Menschen. Positiv ist auch ihr Gerechtigkeitssinn, sowie ihre Offenheit und Begeisterungsfähigkeit für Dinge, die sie interessieren. Auf diese können sie sich nämlich besonders gut konzentrieren, darin aufgehen und alles andere um sich herum ausblenden.

 

 

Die motorische Hyperaktivität äußert sich durch ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis. Das ruhige Sitzen sowie das Entspannen fallen schwer und man unterliegt dem Zwang, sich ständig bewegen zu müssen, ansonsten wird die Stimmung immer gereizter. Diese Form tritt häufig im Kindesalter auf und entwickelt sich ab etwa dem Beginn der Pubertät, wenn die Symptome etwas abnehmen, zu einer inneren Unruhe bzw. einem „inneren Getriebensein“.

 

 

Zur Impulsivität gehört die Neigung zu vorschnellen Entscheidungen, Handlungen und Worten ohne vorher genau darüber nachzudenken, sowie Wutausbrüche aus geringem Anlass bzw. die Unfähigkeit, Ärger zu regulieren. Man ist aber auch ungeduldig, redet dazwischen und will sehr oft aus einen inneren Impuls heraus etwas sofort machen und Ideen sofort umsetzen, obwohl das nicht immer möglich ist. Dadurch entsteht manchmal ein Gefühl einer enormen Anspannung.

 

 

In der Symptomatik mit eingeschlossen ist ebenso eine schnelle Stimmungswechsel-Affekt-Labilität. Dies bedeutet, dass sich die Stimmung sehr stark und schnell durch äußere Faktoren wie Handlungen und Aussagen ändern kann. Häufig wird das als kaum beeinflussbar und belastend erlebt und kann auch zu jähzornigem und aggressivem Verhalten führen. Außerdem kann es dadurch zu einem Versagen in sozialen Beziehungen kommen, sowie zu häufigen Trennungen und Scheidungen in Partnerschaften.

 

 

Ein AD(H)S liegt vor, wenn sich die vorangegangene Symptomatik durch keine anderen körperlichen und psychischen Krankheiten erklären lässt und nicht nur in bestimmten Lebensbereichenauftritt. Die Diagnose wird von einem Facharzt für Psychiatrie/ Psychotherapie gestellt. Neben vielen Fragebögen und Gesprächen, in denen der Beginn und Verlauf der Krankheit herausgearbeitet werden, können alte Zeugnisbeurteilungen der Grundschule zusätzlich Aufschluss geben. Ein Gespräch mit Eltern, Freunden oder Lebenspartner (bei AD(H)S im Erwachsenenalter) kann ebenfalls sinnvoll sein.

 

Eine umfassende Testung zur Erfassung der Aufmerksamkeitsleistungen eignet sich ebenfalls zur Diagnose.

Zu diesen Aufmerksamkeitsleistungen gehören folgende:

Fokussierte Aufmerksamkeit: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zielgerichtet einer Reizquelle zuzuwenden (z.B. Straßenverkehr, Text, Gesprächspartner)

Daueraufmerksamkeit: die Fähigkeit, sich mit einer Reizquelle über einen längeren Zeitraum hinweg mit gleich bleibender Konzentration und ohne gedankliches Abschweifen zu beschäftigen (z.B. kann das eine Aufgabe sein, bei der man eine halbe Stunde lang etwas beobachten muss und sobald sich etwas verändert, rechtzeitig reagieren soll)

Geteilte Aufmerksamkeit: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gleichzeitig zwei Reizquellen zuzuwenden (z.B. Autofahren und sich unterhalten)

Wechsel des Aufmerksamkeitsschwerpunktes: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zielgerichtet und situationsangepasst von einer zur nächsten Reizquelle zuzuwenden

 

 

 

Begleiterkrankungen:

Mind. 80 % der an AD(H)S erkrankten Erwachsenen leiden ebenfalls unter anderen psychischen Erkrankungen wie z.B. Depressionen, Suchtkrankheiten oder Angst- und Schlafstörungen. Da bei vielen AD(H)S nicht im Kindesalter erkannt wurde, haben sich diese Erkrankungen aus der ursprünglichen AD(H)S-Symptomatik entwickelt und stehen nun im Vordergrund der Therapie.

 

 

Behandlung:

Zur Behandlung von ADHS stehen Medikamente (wie z.B Ritalin) und eine Psychotherapie zur Auswahl. Die besten Ergebnisse liefert jedoch die Kombination beider Methoden.

Die Psychotherapie ändert an der Symptomatik zwar so gut wie nichts, bietet aber die Möglichkeit, Strategien zu erlernen, um individuell mit ihr umgehen zu können. Die medikamentöse Therapie verändert hingegen das Zusammenspiel bestimmter Neurotransmitter bzw. Botenstoffe, die sich zwischen den Zellen im Gehirn befinden. Dazu gehören Noadrenalin und Dopamin, welche bei AD(H)S-Patienten schneller abtransportiert werden. Die Medikamente greifen in diese neurobiologischen Krankheitsmechanismen ein und verbessern die Konzentration, senken die innere Unruhe und reduzieren die anderen Kernsymptome, indem ein natürliches Gleichgewicht wieder hergestellt wird. So kann der „Filter“ im Gehirn die Reize, die auf einen einströmen, besser regulieren.

Da bei den meisten Patienten die AD(H)S-Symptomatik nach dem Absetzen der Medikamente wieder auftritt, sollte man diese sein Leben lang einnehmen.

Das bekannteste Medikament zur Linderung der Symptome ist Ritalin, welches im Gegensatz zum Atomoxetin, sofort wirkt. Die Dosis hängt vom Körpergewicht ab und muss sorgfältig eingestellt werden. In dieser Anfangszeit kann es zu Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Schafstörungen, Kopf- oder Magenschmerzen kommen. Im Normalfall lassen sie mit der Zeit nach. Einnehmen können dieses Medikament bereits Kinder ab sechs Jahren mit starken Symptomen. Zu beachten ist jedoch, dass es unter das Betäubungsmittelschutzgesetz fällt.

 

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