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Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und ich?

12. Juni 2012, 19:01pm

Veröffentlicht von Journey

"Na, kommst du voran mit deinem Artikel?" Die Lehrerin, die unsere Schülerzeitung betreut, blickt auf meinen Bildschirm und sieht sich das bisher Geschriebene zum Thema AD(H)S an. Ich nicke, frage mich aber auch gleichzeitig, ob es ein Zufall ist, dass so viele Symptome mir irgendwie ähneln. Ich äußere meine Bedenken, doch die Lehrerin winkt das nur ab mit einem "Du und ADHS? Nein, niemals, das würde man doch merken!" [Journey, 2006]

 

Nein, man merkt das nicht immer auf Anhieb. Ich war weder zappelig noch anderweitig störend. Mein Therapeut meint, ich sei laut meinen Zeugnissen abgelenkt gewesen und hätte nicht aufgepasst. Durchschnittliche Noten habe ich dennoch bekommen, was er wiederum mit meinem hohen IQ verbindet. Deshalb war ich nicht „auffällig“. Typische AD(H)S-Kinder fallen da schon eher auf, da die Leistungen enorm unter der Krankheit leiden können.

 

Kleine Info am Anfang:

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom gibt es einmal mit Hyperaktivität (ADHS) und einmal ohne (ADS). Beim ersteren ist man hibbelig und kann nicht still sitzen wie beim typischen Zappelphilipp aus Struwwelpeter. Die zweite Form (die ich habe) äußert sich eher in einer Art "Verträumtheit". Innerlich kann man jedoch ebenfalls sehr unruhig sein.

Kurz erklärt hat das AD(H)S etwas mit den Reizen aus der Umwelt zu tun. Man kann sich im Gehirn eine Art Filter vorstellen, der normalerweise Unwichtiges ausblendet wie z.B. Vogelgezwitscher draußen oder andere Dinge, die ablenken könnten. Bei ADS-Kranken jedoch ist dieser Filter durchlässiger und somit kommt es zu einem Defizit in der Aufmerksamkeit.

 

 

ADS – was bei mir zutrifft

Ich kann nicht konzentriert an Dingen arbeiten, die mich nicht wirklich begeistern. Immerhin kann Ich mich auf die Dinge super konzentrieren, die mich interessieren. Allgemein gesehen liegt hier die Problematik vor allem beim Anfangen. Wenn ich erst einmal mit etwas angefangen habe und im „Flow“ bin, geht alles wie von selbst. Davor werde ich häufig von Zweifeln, Versagensängsten und Wertlosigkeitsgefühlen geplagt. Mein Therapeut meint, das hängt eben mit dem Konzentrationsproblem zusammen.

 

„Die Betroffenen erleben oft Scheitern und Versagen in verschiedenen Lebenssituationen, die von anderen als unproblematisch erlebt werden. Als Folge entwickeln bzw. verstärken sich Selbstwertprobleme. Häufig treten auch Depressionen und Angststörungen auf.“

[Aus dem Infoheft der BZgA: „ADHS - Was bedeutet das?]

 

Vermeidungsverhalten: Ich habe Angst vor dem Einkaufen, eine immense Angst vor Geld und somit auch Probleme, mich richtig zu ernähren, weil ich es einfach vermeide einzukaufen. Außerdem fällt es mir schwer, bestimmte Dinge zu erledigen, also mache ich es einfach nicht. Ordnung zu halten fällt mich auch schwer, wenn mich niemand besucht, aber das hält sich noch im Rahmen. Bei den Leuten, die wirklich ADS haben, ist das ein viel größeres Problem. Dagegen ist mein Aufräumproblem wirklich nichts, denn selbst in der größten Unordnung finde ich alles im Gegensatz zu Menschen mit richtigem AD(H)S. In meiner Klinikzeit habe ich das immer an Dominik gesehen. Er musste mich immer davon abhalten, bei ihm aufzuräumen…

 

Schnelle Stimmungswechsel-Affekt-Labilität

„Affekt-Labilität ist gekennzeichnet durch einen kurzfristigen, meist im Stundenbereich liegenden Wechsel zwischen neutraler, niedergeschlagener und leicht euphorischer Stimmung. In der Regel wird dies durch äußere Faktoren ausgelöst und als kaum beeinflussbar, aber häufig als sehr belastend erlebt“ 

[Aus dem Patientenratgeber: ADS im Erwachsenenalter]

 

Überlastungsgefühl – Verminderte Stresstoleranz

Betroffene berichten, dass sie auch ohne besondere zusätzliche Anforderungen immer wieder das Gefühl erleben, dass alles zu viel sei, und dass sie dabei seelisch unter Druck und Anspannung geraten“

[Aus dem Patientenratgeber: ADS im Erwachsenenalter]

Mit der inneren Unruhe habe ich auch so meine Probleme. Ich kann nur schwer abschalten und fühle mich sehr oft gestresst…

 

 

Kontakte & Freundschaften  

Kinder mit ADS brauchen klare Grenzen und liebevolle Bindungen. Da ich mich nicht so sehr an meine Kindheit erinnern kann, kann ich dazu fast nichts sagen/schreiben. Ich weiß nur, dass mir im Nachhinein trotz „Überbehütung“ meiner Mum viel Liebe und aufbauende Worte fehlen und ich sehr viel Kritik in Kombination mit dem Satz „Aber du durftest ja alles“ gehört habe. Aber um meinen Kopf hat sich nie jemand gekümmert. Psychische Probleme gab es einfach nicht. Ich war halt so. Hinter Selbstmorddrohungen und allem steckt ja nie was…

Die Beziehung zu meinen Eltern heute erweist sich aus meiner Sicht eher als sehr problematisch und ist auch als negative Eltern-Kind-Beziehung zu betiteln. Dazu gehört, dass beide Elternteile nicht am selben Strang ziehen und niemand das Kind lobt, weil gutes Verhalten vorausgesetzt wird. Nur schlechtes Verhalten wird kritisiert.  

Beziehungen bei ADS-Leuten sind ebenfalls von Brüchen gekennzeichnet. In meiner Familie gab es die zwar nicht in dem Ausmaß einer Scheidung, Trennung, etc, aber dafür waren wir eigentlich keine typische Familie. Jeder hat halt „sein Ding für sich“ gemacht und ich habe mich irgendwann einfach nicht mehr erziehen und mir nichts sagen lassen. Freundschaften und Beziehungen bei mir sind auch sehr von Brüchen gekennzeichnet und auch wenn ich nicht so scheine, fällt es mir schwer Beziehungen aufrecht zu erhalten.

 

Kinder mit ADHS haben allgemein Probleme, Freundschaften aufzubauen und sich in Gruppen einzufügen. Probleme mit Anpassung gehören auch dazu, genauso wie das Sich-nicht-einfügen-Wollen.  Bereits im Kindergarten hat man vorgeschlagen, dass ich mit 6 erst mal in die Vorschule soll, weil ich lieber allein, als mit den anderen Kindern gespielt habe.

In die Grundschule war ich anfangs auch lieber alleine und habe viel lieber alleine gearbeitet. Mir wurde sehr schnell eine Außenseiterrolle zugeschrieben und in der 3./4. Klasse etwa fing das mit dem Mobbing an, was ich zu der Zeit allerdings als „normal“ empfunden habe (so wahr es normal ist, jemanden von hinten Pfennigstücke an den Kopf zu werfen). Auf der Realschule wurde das Mobbing dann heftiger und meine Noten schlechter und schlechter…

 

Freundschaften habe ich häufig einfach so auf Eis gelegt und resolut abgebrochen. Mit Beziehungen zu Männern hatte ich auch immer meine Schwierigkeiten und habe sie auch heute noch. Ich habe irgendwie Angst, Zweifel, verspüre Selbsthass und bin gut darin, mir zu beweisen, dass das alles berechtigt ist und mache daraufhin mehr oder weniger Schluss, obwohl es eigentlich gar nicht so tragisch läuft. Bei Mr. Chocolate ticke ich auch immer wieder aus…ich denke eben immer, dass ich alles falsch mache, unerwünscht bin, etc…(zum Glück sind wir verrückt!)

 

 

 

Schule

Ende der vierten Klasse sollte entschieden werden, auf welche Schule ich gehen sollte. Meinem Zeugnis zu urteilen war es eindeutig: Hauptschule. In einem Intelligenztest habe ich mir dann die Empfehlung fürs Gymnasium geholt. Letztendlich habe ich mich dann doch für die Realschule entschieden (ich Megariesenvollidiot…aber andererseits wäre mein Leben nie so verlaufen).

Ich neigte auf der Realschule sehr häufig zu Flüchtigkeitsfehlern und meine Heftführung war das reinste Chaos, so dass ich irgendwann damit aufgehört und resigniert habe. Genauso wie Hausaufgaben. Den Sinn darin habe ich erst nach 9 Schuljahren herausgefunden.

Mit 5 Fünfen auf dem Zeugnis bin ich dann mehr oder weniger geflogen bzw. haben mich eh alle rausgeekelt. Ich hatte in der Zeit einfach keine Lust mehr auf die Schule und ging immer häufiger gar nicht erst hin, da ich Angst vor den anderen Schülern und vor dem ständigen Versagen hatte.

Auf der Hauptschule erging es mir dann wieder besser. Ich konnte mich für die Themen begeistern und erlebte viele Erfolgserlebnisse im Unterricht und in der Schülerzeitung. Das hat mich dann wieder motiviert, weiterzumachen. Das Mobbing ließ dennoch nicht nach.

Später auf dem Gymnasium war ich zwar in einer supernetten Mädchenklasse, aber ich erlebte erneut ständiges Scheitern, woraufhin meine Depression dann richtig ausbrach. Ich hatte sehr starke Konzentrationsprobleme und habe in mir eine Art Widerwillen festgestellt, zu lernen. Überall machte mich alles runter, sogar die Wände schrieen mir „Versagerin“ nach. Hinzu kommt, dass ich nie gelernt habe, wie man richtig lernt. Für mich war das also immer ein Riesenakt. Zum Schluss kam ich mit den Karteikarten recht gut zurecht, habe alles wichtige raus geschrieben, nur das Lernen an sich hat dann überhaupt nicht funktioniert, weil mein Kopf zu gemacht hat. Ich hatte einfach so eine irre Versagensangst, dass ich nichts mehr machen konnte.

Und dabei habe ich mich sogar in der Mitarbeit angestrengt, jedes Mal gemeldet, alles gesagt. An den Schulen davor habe ich mich so gut wie nie gemeldet, weil ich mich aus Angst einfach nicht getraut habe. Meine Mitschülerinnen fanden meinen Fleiß bewundernswert…aber letztendlich war er doch wieder nichts wert…

 

 

Soweit zum ADS und zu meiner Kindheit…Mein Therapeut fand den Text gut, ich auch. Vielleicht poste ich noch mal einen rein fachlichen Artikel, denn wie man aus der Einleitung herauslesen kann, habe ich schon einmal einen geschrieben. Den würde ich dann mit meinem jetzigen Psycho-Wissen aufpushen. Aber natürlich nur, wenn Interesse besteht. ; )

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Schokokäse 06/14/2012 23:42


Mh, ich habe mich das auch schonmal gefragt. Und bei mir eindeutig auch ohne H 


„Mein“ Hausarzt meinte nein (die Gänsefüßchen, weil ich erst zwei, drei Mal bei dem war). Die Begründung? Das hätte man früher festgestellt, während der Kindheit … Das wären dann eher „normale“
Konzentrationsschwierigkeiten. Aber auch die möchte ich nicht auf Dauer weiter so haben.


Vermeidungsverhalten – siehe das Chaos hier in meiner Bude 


„Kinder mit ADS brauchen klare Grenzen und liebevolle Bindungen.“ – Ja, das wäre wohl schön gewesen. Und vor allem ersteres sehr sinnvoll in Bezug auf die Pflichten im Haushalt.


Bei Beziehungen kann icch bisher nicht so ganz mitreden. Oder vielleicht gerade umso besser? Bisher endete bei mir ja immer alles, bevor es richtig begann. Aber das lag dann wohl „nur“ daran,
dass die Gefühle nur einseitig bestanden.


„Probleme, Freundschaften aufzubauen und sich in Gruppen einzufügen. Probleme mit Anpassung gehören auch dazu, genauso wie das Sich-nicht-einfügen-Wollen“ – ich kann mich nicht erinnern,
dass es früher so schwierig war, aber derzeit finde ich mich darin gut wieder.


Mit der Heftführung hatte ich wohl keine Probleme. Das kam erst als Jugendlicher, dass sich die Prokrastination breit machte. So wie wohl die meisten Symptome. Das ist in deiner Kindheit ja doch
um einiges weiter ausgeprägt. Dagegen klingen meine Erfahrungen recht harmlos. Respekt, dass du den weg bisher so gemeistert hast. Und weiterhin viel Erfolg *daumendrück*


Also ich hätte Interesse. Aber in erster Linie solltest du bloggen, was du magst 

Journey 06/16/2012 04:34



Bei mir war bisher auch fast jedes Gefühl einseitig. Sei es, weil die Person nichts empfindet oder auch, weil ich nichts empfinde. Der Spieß hat sich dabei extrem umgekehrt...was aber auch nicht
unbedingt gut ist O.o Die Ausnahmen waren bis jetzt drei Männer, davon ist einer Mr. Chocolate, mit dem ich meine bisher schönste Beziehung erlebe. : )


Danke für's Daumendrücken, Schoko! : )


Und du hast recht, es ist ja schließlich mein Blog. : P


 



Lucyen 06/13/2012 19:02


Aloha!


Schön geschrieben und informativ, kenne mich mit der Materie nicht so aus, aber erkenne mich in manchen Punkten auch wieder. Vor allem unterschreibe ich den Teil mit den Beziehungen (bei mir eben
zu Frauen) mit dem stetigen Wechsel/ändern/schluss machen obwohl es eigtl. keinen Grund gibt. Das kenne ich sehr gut.


 


Und natürlich besteht interesse an mehr :)

Journey 06/14/2012 03:05



Danke, ich werde noch mal was dazu posten. : )



bu 06/12/2012 21:47

obacht: ursache wirkung... lg

Journey 06/14/2012 03:03



Danke, ich werde mich noch einmal damit auseinandersetzen!