Journey...Alles-und-Nichts

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19. Dezember 2014, 19:32pm

Veröffentlicht von Journey

Es musste ja der Tag kommen, an dem die Illusion dem weicht, was man "Realität" nennt. Und dabei nützt es rein gar nichts, sich auch weiterhin an sein Selbst mit seiner kleinen schönen Welt zu klammern, denn das Spiel ist aus, die Party gelaufen und mit einem Mal erklingt nur noch der Tinitus in der Stille. Uns sonst? Sonst ist da nichts. Nur die Erkenntnis, dass man sich noch mittendrin befindet, obwohl da nichts mehr ist.

Warum konnte die Illusion nicht aufrechterhalten werden? Warum habe ich überhaupt realisiert, dass ich mir was vorgemacht habe? Weil ich auch nur ein Mensch bin. Ein Mensch, der so unendlich glücklich über das sein konnte, was andere total nervt. Ihr habt Probleme mit eurem Chef? Tut mir Leid, denn das kenne ich gar nicht…bei mir läuft's einfach super! Ich bin mit meinem per Du, wir sind wie gute Freunde, können über alles reden, achten einander und er weiß, dass ich nicht viel verlange, weil allein das, was er mir gibt, seine Achtung vor meiner Psyche und Wertschätzung meiner Arbeit so viel mehr wert ist…dafür lasse ich auch alles stehen und liegen, antworte keinen guten Freunden und Bekannten mehr, weil mir einzig allein das Aufrechterhalten dieser geschäftlichen Beziehung und der Betrieb an sich so viel wert ist, dass ich nur noch dafür lebe, weil es die Erfüllung ist.

Dachte ich…

Bis ich gemerkt habe, dass mein damaliger Kollege MR jetzt eben ein Chef mit allem drum und dran ist. Einer mit Familie und dem Problem, diese auch zu ernähren. Das geht nur mit Jobs. Und die hatten wir die letzten Monate on mass. Eigentlich viel zu viel für zwei Personen. Doch ich habe alles gegeben. Mit einer einzigen Bitte. Meine Psyche sollte geachtet werden und ich dachte, das tut sie jetzt und morgen und die nächsten Jahre…aber so läuft das eben nicht in der Welt. Ich habe gedacht, dass ich endlich irgendwo angekommen bin. Habe gefleht, weiterhin glücklich sein dürfen, habe geheult ohne Ende. Nur um zu merken, dass das der Lauf der Dinge ist und die Welt eben nur so funktioniert. MR ist auch nur ein Mensch; zwangsläufig muss er sich anpassen, um zu überleben.

Dennoch hat alles Geld der letzten Monate alles in meiner Seele kaputt gemacht…

Wie hat es denn angefangen, WANN hat es angefangen?

...

Zuallererst war ich begeistert. Mein Kollege MR sollte mein Chef werden! Wir beide sollten DER Betrieb sein und anfangs hat das auch weitaus mehr als sehr gut funktioniert. Wir waren so ein geniales Team mit einigen kleinen Aussetzern meinerseits, aber dennoch haben wir es gerockt, Umsatz gemacht und ich habe endlich den Mut gefunden zu fotografieren, mehr zu machen. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Alles hat einfach gepasst…

Aber vielleicht war es auch nur die selektive Wahrnehmung, die mich das glauben ließ? Geplatzt ist jedenfalls der Traum, als ich realisieret habe, dass das nicht für immer ist. Dass ich wohl gehen muss, wenn ihm das Geld nicht reicht, mich als ausgelernte Fotografin zu bezahlen. Aber wozu Geld? Ich hasse Geld. Sollte er es behalten, wenn ich dafür bleiben und weiterhin glücklich sein darf. Aber so läuft das nicht. Alles dreht sich um Geld. Und je mehr mir das bewusst wurde, umso mehr haben wir uns gestritten, habe ich Psychoanfälle bekommen und panische Angst, die heute ihren Höhepunkt hatte.

Ich kann nicht mehr das ändern, was passiert ist und MR zu dem machen, was er mal war. Egal wie sehr ich mich auch bemühe, ihm alles Stressige aus dem Weg zu räumen. Ich kann aber auch nicht akzeptieren, dass die Welt mit diesem Geld nun mal so funktioniert. Da sagt man ständig, man ist im Stress und hat keine Zeit, obwohl man sie sich nehmen könnte. Da guckt man eher auf die Dinge, von denen man finanziell profitiert, als in die Seele, die das verkraften muss. Da lehnt man ab, ignoriert alles, was einem auf dem Weg zu noch mehr Geld hinderlich sein könnte, um seine Miete zu zahlen. Menschlichkeit kommt an zweiter Stelle. An erster kommt immer Geld. Mit Geld kauft man sich Liebe, Freude, Kinder,…mit Geld kann man studieren, ist motivierter, fühlt sich besser. Warum? Warum ist das Geld auf meinem Konto nur so scheiße? Ich hab's, ja! Aber was soll ich damit? Die Wohnung zahlen mein Freund und ich sowie Essen und Internet. In den seltensten Fällen kaufe ich mal was. Wozu? Macht einen das etwa glücklich zu besitzen? Mich nicht. Das einzige, was es mit mit macht, ist mit ein Gefühl von falscher Sicherheit zu geben…und schon das ist mehr Macht, als dieser Dreck es eigentlich wert ist..

Ich will lieber wieder zurück in meine Illusion. Weit weg von all dem. Zurück zum Menschsein. Zurück zu MR, den ich so wahnsinnig als ungestresster Kollege vermisse. Ich will mich nicht mit der trostlosen Realität da draußen konfrontiert sehen, in der ich schutzlos und krank umherirre. In die ich nicht reinpasse, an die ich mich nicht anpassen will. Ich will zurück...

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Pit 03/15/2017 11:55

Dies ist jetzt über zwei Jahre her. Offensichtlich habt Ihr beide Euch zusammengerauft, was die Finanzen angeht. Die Illusion ist einer neuen Realität gewichen, stimmts?

> Aber wozu Geld? Ich hasse Geld.
> Sollte er es behalten, wenn ich dafür bleiben
> und weiterhin glücklich sein darf.

Außer dir und mir kenne ich nur einen einzigen Menschen, der offen in dieser Weise über Geld redet (dessen Identität ich hier nicht verrate).
Allein: ich selbst scheine mich mehr und mehr damit abgefunden zu haben, habe mich an Geld gewöhnt. Deshalb frage ich, wie es Dir mehr als zwei Jahre später damit geht ...

Journey 03/30/2017 19:48

Das, was du beschreibst, kann ich zu 100% nachvollziehen. Diese Belastung, etwas Sinnloses gekauft zu haben, das dann nur rumliegt, kenne ich auch...wobei ich seit einem Jahr ja eine extrem zwangsgestörte private Buchhaltung führe, sodass das kaum mehr vorkommt bzw. ich dann eher hinter dem Sinnlosen stehen kann. Würde meine Excel-Tabelle mir nicht mit jeder Eingabe alles anzeigen, hätte ich wohl extrem große Probleme mit Geld...mein Fokus liegt primär auf Essen und Fixkosten. Für den Rest bleibt dann nicht mehr viel übrig, aber trotz allem schaffe ich es in der Regel am Ende des Monats nicht weniger auf dem Konto zu haben, als am Anfang.
Ich spare schon. Für Reisen oder anderes...aber ich würde nie mehr Geld verlangen oder meine Eltern "anpumpen". Finanzielle Unabhängigkeit ist wie ich gemerkt habe für meine Zufriedenheit im Leben am wichtigsten, auch wenn ich nicht so viel Geld zur Verfügung habe wie andere und meine Eltern mir locker etwas dazu geben würden, damit ich "besser" leben kann. Aber ich empfinde DAS eher als Belastung, also habe ich es relativ rasch unterbunden.

Es gibt somit aber auch Monate wie diesen z.B., in dem ich viel zu viel ausgegeben habe (ein Festival am anderen Ende von Deutschland, Bahnfahren, Essen gehen,...). Das sehe ich dann am Ende von Monat und sage mir: Okay, im nächsten siehst du, dass du wieder im + rauskommst! Die Schwankung ist zwar nur minimal und ich bin nie im minus, aber dennoch ist mir das minimale sparen wichtig. Doch auch wenn ich echt jeden Cent notiere... geizig bin ich trotzdem nicht. Ich gehe wohl nur bewusster mit Geld um. Und wenn das bedeutet, dass ich alles bis zu dessen endgültigem Tod nutze und auch ein halbes Jahr über eine Anschaffung schlafe, um sie dann doch wieder hinten anzustellen...dann mache ich das gerne so. Es macht mich nicht unglücklich. Wenn ich mehr verdienen würde...hmmm...was würde sich dann ändern? Vielleicht würde ich öfter mal verreisen oder mir etwas "gönnen". Aber sicherlich nicht meine Prinzipien vergessen.

Mir sagt zwar niemand explizit, dass ich mir was gönnen soll, aber an dem Kaufverhalten der anderen merke ich schon extrem, dass ich anders denke und handle. Und ich bin auch stolz darauf, das nicht so zu sehen wie so viele andere, die auch nicht zufriedener mit allem sind als ich.
Mittlerweile sage ich mir aber auch manchmal: "Okay, du gönnst dir jetzt das!" als Motivationsschub oder Belohnung für etwas. Dann muss ich aber davon überzeugt sein, dass ich mir das sowohl finanziell als auch gewissenstechnisch leisten kann. Dann kaufe ich mir schon auch mal Schuhe für 180 €. Aber von denen bin ich wirklich überzeugt und die sind was Besonderes.

> Aber ich will das fucking Geld nicht!
So geht es mir auch. Vor allem vor anderen, die mich liebend gerne einladen und mich zu meinem "Glück" zwingen wollen.
Ich teile gerne das wenige, das ich habe bzw. achte immer darauf, dass alles im Gleichgewicht bleibt. Und will sich jemand nicht außerhalb zum Essen einladen lassen, so koche ich privat für diese Person und dank meinem Fokus auf Essen wohl nicht mal so schlecht...

Ich habe zugegebenermaßen keine ehrenamtliche Tätigkeit, aber auch so bei meinen Freizeitbeschäftigungen keine allzu hohen Ausgaben. Lesen und Schreiben sind günstige Hobbys.

So, jetzt habe ich nochmal einen kleinen Roman geschrieben, aber ich bin da offen und du offensichtlich am Thema interessiert. ; )
Das freut mich! Vor allem, da ich selten auf Gleichgesinnte treffe.

Den Spyder sollte man übrigens immer wieder mal nutzen. ; ) Es gibt nicht umsonst Monitore, wo so ein kleines Gerät immer wieder mal über den Monitor huscht, um ihn zu kalibrieren. Eigentlich sollte man das öfters machen, aber ich mache das bei uns auch nur einmal in drei Monaten oder lasse mir sogar noch länger Zeit. Unsere Monitore sind auch gute von Eizo, aber uralt. Da verstellt sich nicht mehr allzu viel...

Pit 03/15/2017 19:28

> Wie hast du dich denn an "Geld gewöhnt"?

Ich habe reich geheiratet :-)
Nein, quatsch. Zwar habe ich geheiratet, aber genug Geld haben wir zusammen erst nach und nach gehabt, nach langen Durststrecken. Heute haben wir genug, und genau daran habe ich mich gewöhnt und hinterfrage es nur noch selten.
Und dann kommen so Leute wie Du daher oder der oben erwähnte Mensch, und ich erkenne die Radikalität wieder, die auch ich in Deinem und seinem Alter hatte.
Noch immer überlege ich heute genau, ob ich etwas Bestimmtes kaufen sollte oder nicht. Nichts ärgert mich mehr, als etwas zu haben, was dann bald nur ungenutzt rumliegt. Das belastet mich.
Aber heute entscheide ich mich viel häufiger und unbeschwerter als früher für einen Kauf.
Beispiel: mein Spyder-Bildschirmkalibrierer - ich denke, Du kennst solche Dinger :-) Gekauft, benutzt, in den Schrank gelegt. Bis ich ihn als Möchtegern-Grafikdesign-Profi wiedermal gebrauchen kann, muss erst mein Bildschirm kaputt gehen. Und dann passt der Stein vermutlich gar nicht mehr auf den Stock oder seinen Adapter ;-)
Also, das Ding liegt rum, ich ärger mich und verschenke es irgendwann. Früher wäre mir das nicht passiert. Ich habe ihn nur gekauft, weil ich es konnte :-(

Kurz: noch immer denke ich wie früher, aber ich handle oft anders, weil ich mir über Jahre von meinem Umfeld habe einreden lassen: Gönn dir mal was und überleg nicht so lange.

Mich ärgert das.

Woanders in Deinem Blog habe ich geschrieben, dass ich zu viel ehrenamtlich arbeite. Ja, es geht irgendwann über die Kräfte. Aber warum überhaupt ehrenamtlich? Für viele dieser Dinge könnte ich auch Geld verlangen, da würde mich niemand für verachten. Aber ich will das fucking Geld nicht! Deswegen spricht mich dieser Dein Artikel so an, wenn Du schreibst: "Aber wozu Geld? Ich hasse Geld. Sollte er es behalten, wenn ich dafür bleiben und weiterhin glücklich sein darf." Ich helfe gerne. Das gibt mir was. Als Tontechniker bin ich gerne bei sinnvollen Veranstaltungen dabei. Umsonst. Weil ichs geil finde und traurig wäre, nicht daran beteiligt zu sein.
Für manche Veranstaltungen würde ich sogar zahlen, um dabei zu sein ;-) (aber sags nicht weiter ...)
Leider geht es halt irgendwann über die Kräfte.

Journey 03/15/2017 13:47

"Die Illusion ist einer neuen Realität gewichen" trifft es ganz gut. Aber das nicht nur auf meiner Seite. Es ist jetzt komplett anders und doch sind wir nach wie vor ein klasse Team. Die neue Realität oder Wirklichkeit ist also keineswegs schlechter! Sie hat mir aber zunächst extrem viel Angst gemacht.

Ich verdiene jetzt als ausgelernte Fotografin nicht die Welt, was mir aber erst jetzt über ein Jahr nach meinem Auszug bewusst wird, da es sich fast gar nicht groß vermehrt. Aber das muss es auch nicht. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Zwischenmenschliche und der Spaß am Job einfach viel mehr wert sind. Meine Ansichten sind also etwas "normaler" geworden, weil ich jetzt alleine meinen Haushalt führe. Aber dennoch bin ich nicht so wie der überwiegende Rest der Welt. Sollte ich mehr benötigen, um zu leben, wäre das natürlich schlecht, aber da ich wirklich einen guten Überblick über meine Finanzen habe und dadurch ein Gefühl für das, was wichtig ist und das, was es nicht ist, ist das gar nicht nötig.

Doch immer wieder merke ich, dass meine Lage nicht der Norm entspricht. Jeder meint jedoch genau zu wissen wie viel ich zu verdienen habe. Und bei meiner Leistung sollte das natürlich das maximale sein. Dass ich mit dem Geld nichts anfangen kann, meinen Job liebe und mein Chef mir dafür so viel mehr gibt, spielt keine Rolle, denn es ist nicht in Geld gezählt und das braucht ja jeder. Ich finde das immer wieder erneut traurig...da muss ich an Erich Fromm "Haben oder sein" denken...und ich "bin" einfach lieber....

Du bist selbstständig, oder? Wie hast du dich denn an "Geld gewöhnt"?